Mittwoch, 26. Juni 2013

Serie - vom leben & vom sterben | Gedanken zu Menschen I.

KUNST training | coaching | therapie SPIEL 



Serie - vom leben & vom sterben | Gedanken zu Menschen I. 
 
Be a lamp, or a lifeboat or a ladder. Help someone's soul heal.

Rumi



Ich möchte hier von Menschen schreiben – Menschen, die mich berührt haben. Einfach weil sie klasse sind, irgendwie wunderbar, manchmal etwas überirdisch. Ich denke über die Begegnung mit Ihnen nach, und sie wird bleiben, ich werde sie nicht mehr vergessen.

Ich arbeite als Kunsttherapeutin im Rahmen von Palliative Care in Kliniken. Meine PatientInnen, mit ihren Angehörigen, sind Menschen mit einem schicksalhaften Leben – sie lassen mich für einen kürzeren oder auch längeren Moment teilhaben – manchmal darf ich mehr als eine Therapeutin sein – eine Zeugin, gar eine Freundin. Manchmal komme ich nachhause und bin so unendlich berührt von diesen Menschen...es sind weniger die traurigen Momente und Seiten – wie Sterben und der oftmals kurz bevorstehende Tod – als vielmehr die großen, weil so lebendigen Momente des menschlichen Daseins. An ihnen habe ich immer lange zu „knabbern“, von ihnen möchte ich hier berichten. 




Brüderchen & Schwesterchen 



Heute begegnete ich einer Schwester, wie ich sie mir immer gewünscht habe, und nie hatte... sie ist die Schwester von einem etwas jüngeren Bruder, der bei uns auf der Palliativstation liegt. Ich wurde schon im Vorfeld behutsam von der leitenden Krankenschwester unserer Station auf die Begegnung mit diesem besonderen jungen Mann vorbereitet, durch Bilder von seinem Gesicht – wie er einst aussah und was mich heute in seinem Zimmer erwartet. Ich muss gestehen, ich war geschockt, als ich die Bilder sah. Zuerst ein junger Mann mit leicht verschobener Gesichtshälfte – harmlos, dachte ich, habe ich schon gesehen. Doch dann das zweite Bild – ich sah etwas, was mal wie ein Mensch aussah, noch einen Mund, ein Auge und eine Nase andeutete...und dann war da etwas, was ich noch nie gesehen hatte, es hatte sich von innen nach außen gekehrt, war seltsam unmenschlich, eher alienartig...Bilder aus Sciencefiction- oder auch Psychohorrorfilmen kamen mir in den Sinn...wer David Lynchs „Der Elefantenmensch“, „Star Wars“ -Wesen von anderen Sternen oder auch die Orks aus „Herr der Ringe“ gesehen hat, bekommt nun eine Idee. 



Die leitende Oberschwester bereitete türöffnend die Schwester auf mich und meine kunsttherapeutische Arbeit vor, und wenig später bekam ich zu hören, dass jene besonders die Arbeit mit der Seele begrüßen würde. Ein schöner Einstieg – ich fühlte mich gleich willkommen...



Ich hatte mich schon am Vormittag bei der Schwester vorgestellt – alles sehr liebevoll und irgendwie ruhig - gleichzeitig kamen die Großeltern, und ich sagte, ich würde wiederkommen, wenn die Zeit passend wäre.



Ein paar Momente später ging dann die Tür auf und ich konnte eintreten. Mir kam eine besondere Wärme entgegen, eine innere Wärme und eine Offenheit, ein inneres Stille-Sein. Ich sah den Bruder, sah ihn atmen, sah seinen völlig normal aussehenden Körper, seine porzellanartig, fast weißen und wunderschön grazilen Hände mit einem Titanring am Finger. Überhaupt schien mir der Körper sehr fein gegliedert. Ein ästhetisch schöner Anblick. Er war mal sehr schön, ihr Bruder, sagt sie.



Die Schwester erzählte mir, dass sie diesen besonderen Bruder schon immer liebte. Er kam zu früh, ohne genügend Fruchtwassernahrung und blau auf die Welt. Die Eltern zeigten – um die Schwester zu schützen – ein anderes Baby. Doch die Schwester sagte nur, sie wolle ihren Bruder sehen, egal wie er aussehe. Da begann die Liebe. Sie hält bis heute an und sie ist besonders. Der Film "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" von Lasse Hallström, kam mir in den Sinn - ich benannte meinen Gedanken, und natürlich kannte die Schwester diesen berührenden Film. 





Mir kamen Tränen. Er musste zweimal in der gemeinsamen Zeit urinieren; sie war dann mit der „Ente“ da, sagte, warte, halte noch aus – jetzt darfst Du loslassen und er ließ los. In ihrer Gegenwart ist er ganz ruhig. Er bekam durch eine große Spritze zu trinken – in die mundähnliche Öffnung – zuerst Tee, dann, als Belohnung, noch etwas geschmackvolles Lemonadiges, was er mag. Aber nicht Fanta, das würgt er wieder aus. Dann saugt sie liebevoll und aufmerksam die Mundöffnung nach überschüssigen Nahrungsresten ab – lässt ihn wiederholt schlucken, bis alles abgesaugt ist und es ihm wieder gut geht. Er äußert sich durch einzelne Worte und Gesten. Manchmal kommen ihm mehrere Worte, aber man muss schon viel Geduld haben, um zu verstehen, was er erzähle.



Seine Haare sind nach der einen Chemo ganz weiß geworden, berichtet sie. Als Andenken, habe sie welche aufgehoben. Wie Engelshaare sehen sie aus. Er war immer ihre „Ressourcentankstelle“ gewesen und jetzt wolle sie dies ihm zurückgeben. In der Pubertät wär' er wild gewesen, erzählt sie, hat ihm, weil er dachte, Flaschen (Filmrequisite aus Zucker) zerspringen wie im Film auf Köpfen, eine normale Glasflasche über den Kopf gehauen, die nicht zersprang. Zwei Tage Kopfschmerzen, zum Glück keine Gehirnerschütterung. Es ist ihm ein bisschen peinlich, er will nicht gerne, dass sie es erzählt – doch es gehört zu ihrer beider Leben mit dazu.



Sie denkt, er bleibt der Mutter zuliebe, weil sie ihn nicht gehen lassen kann. Bei diesem Satz bekommt sie feuchte Augen. Die Schwester hat sich schon vor längerer Zeit verabschiedet und kann ihn gehen lassen. Sie sagt, sie an seiner Stelle, hätte sich schon lange von dieser Welt verabschiedet, hätte nicht so lange durchgehalten wie er. Aber er ist ein Kämpfer, ist er immer gewesen. Er möchte schließlich noch Anfang August seine Verlobung feiern – ein Datum, das er sich selbst gesetzt hat.



Mir kommen Worte wie „Seelenverwandtschaft“ und „engelsgleich“ in den Sinn und ich spreche sie aus. Ich erinnere sie daran, auch und mehr denn je für sich selbst da zu sein, und das eigene innere und auch bedürftige Kind zu nähren – sie weiß das, nimmt es aber auch gerne an, lässt sich daran erinnern. Vielleicht wird sie eines Tages ihre Geschichte mit ihrem Bruder aufschreiben, um Andere daran teilhaben zu lassen. Heute geht das nicht, aber wer weiß... ich höre die meiste Zeit einfach zu, bin da.



Wir „verabreden“ uns für ein nächstes Mal und gehen unserer Wege. Sie lächelt mich an und ich merke, es kommt von Herzen. Sie ist da – sie liebt ihn, bis zum Schluss. Das ist sie ihm schuldig, das Äußere spielt keine Rolle, das innere Schöne, das sie kennt, zählt. Das Lachen, die Streiche, die herrlichen Geschichten, die sie derart zum Lachen gebracht haben, dass sie sich beinahe in die Hose gemacht hätte...das bleibt, sie weiß das. Obwohl sie ihm auch wünschen würde, dass er bald gehen kann. Er weiß das, sie ist ehrlich mit ihm.



Sie liebt ihn. Das ist wahr. Und er liebt sie. Geschwisterliebe.

Ganz ehrlich, so etwas habe ich noch nie gesehen und gefühlt....



Danke für diesen Augenblick!



Gunilla Göttlicher 
 

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+++ Von Fischen +++ by Gunilla Göttlicher

Fische schwimmen im Wasser hin und her wenn ein Angelhaken kommt denken sie ersteinmal über dessen tieferen Sinn nach Erinnerung an Finnland, 2009