Freitag, 27. November 2015

„Sehen Sie schon einen Fisch?“ | Arbeit mit Stimmungs-Bildkarten mit palliativen u.a. Patienten




 Sehen Sie schon einen Fisch?“ | Arbeit mit Stimmungs-Bildkarten mit palliativen u.a. Patienten 

 Arbeit mit den Karten „Heute bin ich“ von Mies Van Hout

mit Patientinnen im Rahmen von Palliative Care in zwei Kliniken

und in einem Beatmungszentrum 



Manchmal habe ich das Glück mit Patientinnen sein und arbeiten zu können, die genügend Ressourcen wie körperliche Kraft, einen aktiven Geist, Neugierde und Staunen mitbringen, mit denen man einen künstlerischen Prozess mit einem eigenen Produkt anregen kann.



Und ich wollte sie ausprobieren, ob sie hilfreiche Freunde bei diesem Prozess sein könnten: Die lustig-bunten Fische von Mies Van Hout. Mir erschienen sie als ideal, eine Vielfalt an Anregungen für die Lust am Durchgucken und auch die Gestaltung zu geben. 



Ich habe allen drei Patientinnen das Kartenset, Tonzeichenpapier, Ölkreiden und auch einmal zusätzlich Pastellkreiden (mit Fixation) mitgebracht. Teilweise ebenso einen CD-Player mit Entspannungsklängen zum Thema Meer (Meeresrauschen mit und auch ohne Musik). 






Fallbeispiel 1 – Langzeitpatientin (53) in einem Beatmungszentrum
„Der Schleierfisch“ oder wie eine Patientin ihre Angst hintanstellt und die Freude nach vorn kommen lässt 





Ich besuchte die Patientin im Beatmungszentrum schon seit längerer Zeit – gemeinsam hatten wir schon so mache Minute gar Stunde der Freude erleben können – sie sagte stets (ich las von ihren Lippen ab und was ich nicht verstand, schrieb sie mir auf), dass es immer eine Erfahrung wert sei, sich einzulassen auf das, was da kommen könne, wenn man sich auf eine ästhetische Erfahrung einlasse. Wir hatten u.a. schon uns selbst mit den Blind-Portraits porträtiert und großen Spaß miteinander gehabt (siehe Wand-Galerie).

An diesem Montag sollte ihre Trachealkanüle abgenommen und von der Beatmungsmaschinerie befreit werden, damit sie alleine und mit ihren Lungen atmen könne. Das machte ihr Angst, da sie merkte, dass ihr zarter Körper es nicht wirklich leisten könne. Ich stellte die Probe aufs Exempel, und versuchte ihre Aufmerksamkeit zu verlagern. Ich zeigte ihr die Fische-Karten und ermunterte sie, spielerisch die gezeigten Stimmungen zu erraten; sie war so gut, dass sie alle erriet, oder zumindest nahezu richtig lag.

Dann fragte ich sie, ob ich einmal die Ölkreiden auf dem Tonzeichenpapier ausprobieren dürfe. Sie bejahte und dann fragte ich nach ein paar Strichen, ob sie denn schon einen Fisch sehen könne. Und, was soll ich sagen, sie sah einen: zusammen malten wir zwei Augen, einen üppig bunten Schwanz und abschließend gestaltete ich noch Wasserpflanzen nach ihrem Gusto.

Ein Freund von ihr trat ein, und wir fragten ihn, wie er das Bild nennen würde. Er nannte es „Der Schleierfisch“ und das gefiel der Patientin gut. Als Letztes schrieb sie den Titel auf die Rückseite mitsamt ihren Anfangsbuchstaben und dem Datum. Dann hängte ich die Ausstellung der Blind-Portraits mitsamt dem Schleierfisch an die Wand.



Die Patientin sagte, dass ihr der Fisch sehr gefallen würde – er hatte es nicht nur geschafft sie abzulenken, sondern darüber hinaus die Angststimmung hinten anzustellen, während positive Gefühle an die Oberfläche bzw. nach vorne kommen konnten.



Das gab ihr wieder eine Idee vom lebendigen Ganz-Sein zurück – neugierig und vergnügt, neben ängstlich und verwirrt. Und die Bilder-Ausstellung an der Wand ihrem Bett gegenüber erinnerte sie nun an gute Momente mit positiven Stimmungen, wenn sie alleine war und ihre Angst spüren musste. 

*Der Schleierfisch*

Wand im Patientinnenzimmer - Schleierfisch und Blindportraits






Fallbeispiel 2 – Patientin (45) in einem Akut-Krankenhaus
„wohlig“ oder wie eine Patientin ihren Idealzustand kreiert 





Ich habe im Akut-Krankenhaus eine Kollegin, Psychoonkologin, die mir manchmal gezielt Patienten ans Herz legt, die nicht im Palliativbereich liegen, und für die die KT eine Bereicherung sein könnte, wie auch in diesem Fall. Ich erfuhr, dass die Patientin mit eigenem Gestalten schon Erfahrungen sammeln konnte. Ihre derzeitige Situation war ungewiss, sie wartete auf ein klärendes Gespräch mit dem Oberarzt. Daher war sie angespannt. Dennoch ließ sie sich gerne auf unser kleines Experiment ein – zwischendurch kam der Assistenzarzt der Station und erklärte, dass das Gespräch erst am nächsten Tag stattfinden könne.



Auch ihr gab ich die Karten in die Hand, und sie ließ sie alle auf sich wirken. Ihre gefielen die positiven Fische-Stimmungen am Besten – mit den negativen wollte sich sich in diesem Moment nicht belasten. Sie wollte nach vorn blicken – für sich und ihre Angehörigen.

Es entstand schnell ein vom Betrachter ausgehend nach links schwimmender Fisch – dann links eine Sonne – Sonnenstrahlen, die den Fisch treffen. Wir betrachteten das Bild immer wieder und ich fragte, was noch da hin gehöre. Es kamen noch zwei kleinere Fische dazu – dann ein größerer direkt unter ihr. Auf mein Nachfragen hin, identifizierte sie die Fische mit sich und ihrer Familie. Sie benannte es mit dem Begriff „wohlig“, ein Eingebettetsein in ihre Familienharmonie, alle beisammen, vom Sonnenlicht angestrahlt, alle in eine Richtung blickend.



Ich hängte das Bild zu ihren anderen Bildern. Wir betrachteten das Bild – ein weiterer Dialog begann – und sie erzählte mir von einem Kind, dass sie vor wenigen Jahren verloren hätte - es kam noch auf die Welt, aber wegen einer Erkrankung des Gehirns lebte der kleine Sohn nur wenige Tage. Ich fragte sanft nach, ob er nicht auch zur Fisch-Familie gehöre und dargestellt werden sollte. Sie bejahte, freute sich darüber, dass er dazukommen konnte – das Bild wurde mehr ganz – alle gehören dazu – alle Lieben, die Lebendigen und auch die, die gehen mussten.



Ein bewegender Moment für uns beide!

So ehrlich, so liebevoll und einfach ein Moment, in dem das Eingebettetsein in ein größeres Ganzes herbeigesehnt, vielleicht gar auch ein wenig gespürt wurde. 









Fallbeispiel 3 – Patientin (52) in einem Palliativ-Bereich (Lungenfachklinik)
STOLZ BIN ICH“ oder wie eine Patientin zu ihrer kindlich-vergnügten Kreativität zurückfindet 






Wir lernten uns das erste Mal bei einem Gespräch mit der Palliativärztin auf Station an ihrem Bett sitzend kennen. Die Patientin erschien mir sehr aufgeschlossen für die Kunsttherapie und ihre Möglichkeiten, dennoch schilderte sie mir von einer Begebenheit in einer Reha, in der die Therapeutin in einer Kreativwerkstatt (ob Ergo- oder Kunst wusste sie nicht mehr) ihr Perlen gab, mit dem Hinweis, sie sollte mal erspüren, was sich zeigen wolle. Doch dieser Hinweis überforderte die Patientin und ließ sie allein mit ihrem inneren Bewerter und Zensor. Ich versicherte ihr, dass ich eine gute Begleiterin sei bei kreativen Prozessen und sie an die Hand nehmen würde.

Ich kam am nächsten Tag wieder – der Moment schien geeignet zu sein für unser kreatives Setting: Es war genügend Raum und auch Zeit vorhanden, ebenso eine wohlwollende Bettnachbarin.



Ich fragte sie, ob sie gerne etwas Meeresstimmung hören wolle. Auf ihr Ja! hin stellte ich den kleinen CD-Player mitsamt Meeresrauschen-Klang auf den Nachttisch – vorher hatte ich ihr die Heute bin ich-Karten in die Hand gegeben mit der Idee, sie einfach anzuschauen und vielleicht auch ein Bild zu finden (oder mehrere), die ihr am besten gefallen würden.



Sie wählte sich den Fisch mit dem Begriff „verwirrt“ aus. Auf mein Nachfragen hin, ob die Stimmung etwas mit ihrer eigenen Stimmung zu tun habe, sagte sie, nein – keine eigene Verwirrung derzeit (obwohl sie das kennen würde), der Fisch mit seinem lustig gewellten Mund gefiele ihr so gut.



Sodann regte ich den kreativen Prozess an. Zeigte ihr das schwarze Tonzeichenpapier und stellte die Möglichkeiten der Öl- und Pastellkreiden vor. Ich fragte sie, ob ich einfach mal den ersten „wilden“ Strich machen dürfe, und sie bejahte. Dann ermunterte ich sie, eine Lieblingsfarbe zu wählen, und einfach einen Punkt, gar Strich oder was auch immer zu setzen, dort wo sie wolle. Alles ist richtig und fein, ein falsch gibt es in diesem Prozess nicht. So waren wir schnell in einem fast lustigen Dialog mit uns und dem Fisch – immer wieder Fragen meinerseits, was der Fisch noch bräuchte, was noch fehlen würde, um immer vollkommener zu werden. Aus einer Clowns-Nase wurde ein Auge, eine Rübennase folgte, ein lachender Mund, eine Kette kam dazu, einen Hahnenkamm in Neongelb etc.



Dann sagte sie, es sei nun fertig. Sie sei so stolz über dieses Wesen, über sich. Ich regte noch zu einem Titel an – half ein wenig mit, baute Wort-Brücken – und der Titel sollte nun lauten STOLZ BIN ICH“ - mitsamt Datum und Namensnennung.



Und sie war stolz! Hätte sie es sich doch nicht träumen lassen, dass ein kreativ-künstlerischer Prozess so leicht sein könne. Sie kam sofort auf die Idee, sie könne mit ihrer 11-jährigen Nichte malen – sie hätte Lust dazu, einfach mal zu malen und nicht zu bewerten. Einfach tun, das ist wichtiger als alles andere.



Schön ist das und so einfach!

Wenn es doch immer so einfach sein könnte, wieviel glücklicher wäre da die Welt! 







Alles in Allem, kann ich diese Bildkarten sehr empfehlen – sie bieten zahlreiche Möglichkeiten schnell in einen rührenden und einfach schönen Dialog miteinander zu kommen, ebenso zu „spielen“, für den Moment spielerisch zu sein.

Darüber hinaus lädt die Technik mit schwarzem Tonzeichenpapier, Öl- und Pastellkreiden zu arbeiten, dazu ein, das eigene Gestimmtsein zu gestalten, ob im kreativen Dialog oder allein.

Für geeignete Erwachsene, die sich ihr inneres Kind bewahren konnten, eine wahre Fundgrube an Möglichkeiten!



Danke an Mies Van Hout und die Fische von „Heute bin ich“!

Dank an meine lieben Patientinnen, die sich mutig mit mir in das kreative Spiel des Lebens gewagt haben, danke auch, dass ich die Bilder, die entstanden sind, ablichten und auch der Öffentlichkeit zugänglich machen darf!




Herzlich

Ihre und Eure

Gunilla Göttlicher

Fisch-Fee und Clowns-Fisch 




Thanks web for pics - prozess-pics by me - Thanks for the great time with you! 
And this wonderful card-set! THANKS!!!


Heute bin ich
Mies Van Hout
Karten-Set mit Briefumschlägen
arcari Verlag



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+++ Von Fischen +++ by Gunilla Göttlicher

Fische schwimmen im Wasser hin und her wenn ein Angelhaken kommt denken sie ersteinmal über dessen tieferen Sinn nach Erinnerung an Finnland, 2009