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Samstag, 25. Juli 2015

Serie JA zum Leben! | Gedanken zu mir und der Welt

Serie JA zum Leben!  | Gedanken zu mir und der Welt


Be a lamp, or a lifeboat or a ladder. Help someone's soul heal.
Rumi
Die eigene Skulptur freilegen oder: Vom Willen, zu sich selbst zu kommen 




Was mich schon so lange beschäftigt, ist das Phänomen, dass selbst akademisch gebildete Menschen in therapeutischen Berufen, in ihrer Wahrnehmung, so intensiv eingeschränkt sein können, und ihre individuell angelegten Erfahrungs-Muster unreflektiert auf andere projizieren. Ich persönlich wollte dieses Phänomen lange nicht wahrhaben. Ich dachte, das kann es nicht geben, weder bei mir noch bei Anderen.


Ich habe lange geglaubt, dass sog. gebildete Menschen, studierte Akademiker v.a. der therapeutischen und kulturellen Berufe, irgendwie anders ticken, vielleicht gar reifere oder zumindest reflektiertere Menschen sein müssten, als Otto-Normal-Verbraucher. Zumindest entsprach das dem Bild, das mir seit meiner Kindheit vermittelt wurde.



Ideal-Ich versus erwachsenes Individuum


Heute weiß ich, das stimmt so nicht. Ich habe über die Zeit durch viele wertvolle Erfahrungswerte anerkannt, dass es nicht so sehr auf die hochgehaltene äußere Bildung, sondern die innere, die emotionale Bildung und Intelligenz (Herzens-Bildung) ankommt, der man durch gelebte und reflektierte Erfahrung mit Anderen näherkommen kann. Es gibt sehr viele Therapeuten, die gerne und gut anderen helfen, sich aber selbst kaum wirklich helfen können, da sie keine Hilfe annehmen dürfen und können. Sie kreisen in ihrem Ideal-Ich (in verschiedenen „Rollen“) um sich selbst und lassen keine wirkliche Entwicklung zu, obwohl sie nach Außen so-tun-als-ob. Ich kenne mittlerweile davon zahlreiche Beispiele, und bin darüber immer noch erschüttert. So tief sitzt der eigene Stachel und Schmerz, so tief ist die Verletzung, dass ein Seins-Ideal (Ideal-Bild oder Ich-Ideal) besser zupass kommt, als das eigentlich verletzte Kleine, vielleicht gar früh traumatisierte Kern-Selbst. 
 
Das Buch „Die narzisstische Gesellschaft – Ein Psychogramm“ von H.J. Maaz brachte mir da noch mehr Gewissheit und Klarheit rein, dass auch und gerade die Mächtigen, auch Ärzte und Therapeuten neben Politikern, Managern etc. ihr idealisiertes Größenselbst (auch möglich: Größenklein als ewige Verlierer und damit Opfer) ausleben: 

„Menschen mit narzisstischen Störungen brauchen problematische und leidvolle gesellschaftliche und soziale Verhältnisse, die ihnen helfen, ihr wirkliches Leid zu vertuschen und zu vergessen.“ (H.-J. Maaz, Die narzisstische Gesellschaft, S. 85). 


 

Auch ich kenne diese Thematik gut – bis heute und ich denke bis an mein Lebensende. Ich kann mich erinnern, dass meine Welt mit 23 Jahren wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen ist – in der Therapie, die ich wegen anhaltender Depression mit Suizidgedanken aufsuchte und auch im Gesangsunterricht, den ich wahrnahm, um meine Stimme zu finden. Im Gesangsunterricht wurde es mir besonders deutlich: da ich den Gesangslehrer gewechselt hatte, weil ich mit meinem vorherigen nicht weiterkam, wurde mir in den Stunden mit dem neuen Lehrer und seiner besonderen Methodik bewusst, was er mit meiner Stimme, durch die vielen Übungen hindurch, tat: Er nahm sie buchstäblich auseinander – viele einzelne Puzzleteile gab es, die irgendwie falsch zusammengesetzt waren und neu zusammengesetzt werden mussten. 
 
So kam ich mir dann auch generell vor: meine Puzzleteile – meine eingeprägten Erfahrungen und daraus resultierenden Glaubenssätze, mussten radikal hinterfragt und ob ihrer Richtigkeit für mich heute abgeklopft werden. Alles war da, das beruhigte mich ungemein, aber die Skulptur, die sich daraus ergab, erschien irgendwie unproportional unstimmig zu sein. Irgendwie noch eine Art künstliches Selbst, nach Alice Miller „Als-ob-Persönlichkeit“ oder auch falsches Selbst. Es schien darum zu gehen, sich seine eigene Wahrheit anzuerkennen, sein Bild von sich selber einem Wahrhaftigkeits-Check zu unterziehen. Bin ich das, was ich von mir denke, wirklich? Wenn ja, wie kann ich das erst mal anerkennen und anschauen und mich dann weiterbewegen, weiter zu mir selbst? Vielleicht bin ich ja noch viel mehr, als ich mir heute vorstellen kann?



Das Ideal einer Mutter und das schwarze Schaf der Familie 



Ein ähnliches Phänomen, vielleicht der Ursprung des Ganzen, erlebte ich auch mit meiner mütterlichen Bezugsperson. Die vielen positiven Mythen und Bilder von der guten, heißt bedingungslos liebenden Mutter, wollten nie so recht zu dem Mutterbild passen, das ich erlebt und in mir hatte. Was ich oft erlebte, war Neid, Eifersucht und zahlreiche Gewaltausbrüche seitens der Mutterfigur, die aber allesamt nur von mir als wahr und über die Jahre von mir mehr anerkannt werden konnten – mein aggressiv-gefärbtes Mutterbild durfte nicht sein, war in meiner familiären Welt Tabu: mein familiäres Umfeld versuchte mir systematisch auszureden, dass meine Wahrnehmung, seitens der Mutter Gewalt und aggressive Gefühle zu erfahren, stimmte. Es durfte einfach nicht sein, weil es nicht dem Ideal-Bild der Mutter-an-sich und dem Bild einer Ideal-Familie entsprach. Es ging so weit, dass ich von der gesamten Familie als das sog. Schwarze Schaf im Sinne des Ver-rückt-Seins betrachtet und immer wieder ausgegrenzt wurde, und immer nur ich an der entstandenen aggressiv-gewalttätigen Disharmonie schuld wäre. 
 
Das ist im Großen und Ganzen auch heute noch so. Das reale mütterliche Verhalten mir als Tochter gegenüber kann sich keiner aus meiner Familie anschauen, ohne es sofort mir zuzuschreiben. Das ausgeprägte Schwarz-Weiß-Denken der Mutterfigur wurde unhinterfragt vom Rest der Familie übernommen. Es hätte, bei Eingeständnis eines Fehlers, den Zusammenbruch ihres Ideal-Bildes der Mutter-an-sich und der Familie bedeutet, wieder eine schwankende Kartenhaus-Konstruktion. Eine weitere Entwicklung ist abzuwarten - ich bin dran und beschreite vielleicht mal neue Wege. Auch hier greift die Idee der transgenerationalen Weitergabe von Trauma – wenn es unhinterfragt und nicht emotional durchgearbeitet wird, entsteht in der Familie viel Leid. 
 
Ganz ähnlich fand ich es auch in der Geschichte der Psychologin und Kindheitsforscherin Alice Miller, einer auch von mir fast idealisierten Autorin, deren Schriften über Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung wie „Das Drama des begabten Kindes“ (1979) und „Am Anfang war Erziehung“ (1980) u.a. ich gerne lese, ernst nehme und rezitiere; von der ich in dem Buch ihres Sohnes ihre wahre und rekonstruierte Geschichte erfahren durfte – wie sehr sie bei ihrem eigenen Sohn Vernachlässigung und auch schweren Missbrauch betrieb, und der auch erst ein wütendes Rache-Plädoyer gegen seine Mutter entwarf und dann nochmals, angeregt durch eine emphatische Verlegerin, seine wahre und mittlerweile reflektierte Geschichte erzählte. Martin Miller bringt das Kunststück fertig, die eigentliche und von ihr sorgsam verschwiegene Geschichte seiner Mutter zu erzählen, nichts zu beschönigen und auch von einer transgenerationalen Weitergabe von Trauma zu sprechen (Martin Miller: Das wahre 'Drama des begabten Kindes'. Die Tragödie Alice Millers – wie verdrängte Kriegstraumata in der Familie wirken.“)



Die vielen Facetten einer Mutterfigur und der Wille zur Freiheit 


Heute weiß ich, dass es in den Frauenfiguren der Welt, z.B. in der hinduistischen Götterwelt sehr viele verschiedene Facetten des Weiblichen gibt – die Shakti als die weibliche Urkraft des Universums zeigt zahlreiche Ausgestaltungen der Großen Mutter wie die kämpferische Durga auf ihrem Löwen, Sarasvati (Kunst, Wissenschaft), Lakshmi (Glück, Reichtum, Schönheit) und Parvati (sanft als Uma, kriegerisch als Durga). Die Göttin Kali entsteht aus den Göttinnen Sarasvati, Lakshmi und Parvati, wenn das Unheil im Weltgeschehen überhand nimmt; sie ist die Zerstörerin, aus deren Zerstörungskraft neues Leben erwächst.
Heute kann ich immer mehr mein Leben sehen, als ein Leben zur persönlichen Freiheit hin. Und mir ist es wichtig und wesentlich geworden, meine eigenen und wahrhaftigen Puzzleteile zu sehen und zu begreifen, und immer mehr zu meinem Leben zusammensetzen zu können. 
 
Meine eigene Wahrheit ist, bei Lichte betrachtet, berührend. Immer mehr kann ich mich an meine Hand nehmen und mir mich zeigen, mich von mir selbst berühren lassen. Ich habe begriffen, dass es darum geht, mir selbst eine liebende Mutter und Schwester zu sein, auch wenn ich viel von Außen an Input einholen muss, weil es mir noch immer als Phänomen neu ist. 
Das Bild der bedingungslos liebenden Mutter, der Großen Mütter der Urreligionen wie Inanna (sumerisch), Ishtar (babylonisch) und Astarte (phönizisch), dann der christianisierten Maria und Maria Magdalena oder auch Shakti (Sarasvati, Lakshmi, Parvati), ist mir nicht so vertraut wie das der kämpfenden Durga und der zerstörerischen Kali. Dennoch weiß ich mittlerweile, dass es in mir eine warme und lebendige Mütterlichkeit gibt, für mich und auch für Andere.



Ausprobieren – Hinfallen – Aufstehen (Krone richten) und seine Wunden zeigen – wachsen! 




Ich probiere mich aus, gebe mein Bestes, falle hin, stehe wieder auf, besehe mir das Geschehen, versuche daraus Schlüsse zu ziehen, gehe in den Dialog mit Anderen, zeige mich, zeige meine Wunden und auch meine Schönheit, die vielleicht gerade aus meinen Wunden erwächst. Ich habe damals mit 23 Jahren einen spannenden Selbst-werdungs-Prozess in Gang gesetzt, der vielleicht auch den Namen Individuationsprozess (nach C.G. Jung) tragen darf – mit schon zahlreichen Nachmeerfahrten in meine persönliche Unterwelt. Heute mit 40 Jahren, also nach mittlerweile 17 Jahren Selbst-Erfahrung, kann ich meine Skulptur, die ich bin, schon etwas besser anblicken, finde sie stimmiger, ausdrucksvoller und: es ist bis zum Ende des Lebens noch viel zu erfahren, es hört lange nicht auf. Mittlerweile gefällt mir das. Es bleibt bis zum Schluss spannend!


Darüber hinaus, und das beeindruckt mich besonders, hat Frau, habe ich noch viele andere weibliche Archetypen in mir, die ich aufspüren und entdecken darf. Eine liebe Freundin gab mir ein Buch mit dem schönen Titel „Königin und wilde Frau“ zu lesen, und es ist herrlich, was es dort alles zu entdecken gibt: Linda Jarosch und Anselm Grün beschreiben darin weibliche Archetypen anhand biblischer Frauengeschichten. Dennoch kommt auch das Heidnisch-Weibliche nicht zu kurz. Beschrieben werden 14 Frauenarchetypen – von Debora, der Richterin, über Esther der Königin, hin zu Eva der Mutter, zu Maria Magdalena, der leidenschaftlich Liebenden bis hin zu Tamar, der wilden Frau.
Aber darüber schreibe ich ein nächstes Kapitel – es gibt ja so viel in sich, in Anderen und in der Welt zu entdecken! 


Glückauf, Ihr Lieben! 

HerzLicht 
Gunilla Göttlicher 
 
am 25.07.2015

 
Bilder (Collagen) by *Die Welt der Lumi Divinior by Gunilla Göttlicher*

Montag, 14. Januar 2013

BuchTIPP | Alice Miller - Das Drama des begabten Kindes


KUNST training | coaching | therapie SPIEL


BuchTIPP | 
Alice Miller - Das Drama des begabten Kindes
und die Suche nach dem wahren Selbst (edition suhrkamp 1979/ Neufassung 1994)





"Wenn ich alle die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so wüßte ich kein anderes Wort als: Angst. Angst war es, Angst und Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinderglücks empfand: Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand"
 Hermann Hesse


WARNUNG!
"Wer sich nicht scheut, wachgerüttelt zu werden, wird an diesem Meilenstein nicht unbeteiligt 
vorbeigehen können."
Luzerner Neueste Nachrichten  


Mein persönlicher Fokus | Neid
Da mich das Thema Neid - Lebensneid - Konkurrenz schon lange beschäftigt, möchte ich hier das mir sehr wertvoll und wesentlich gewordene Buch "Das Drama des begabten Kindes" von Alice Miller vorstellen. Mir hat es bereits dabei geholfen, in der Tiefe das Phänomen des Selbstverlustes und des folgenden Neides besser begreifen zu können. Ebenso bin ich von der Wahrheit der Worte tief berührt, ob der Aufarbeitung meiner Geschichte und der meiner Mitmenschen. Ich werde dieses Buch sicher noch öfters lesen und empfehle es jeder/m, die/der den Mut hat, sich der eigenen wahren Geschichte und damit der eigenen Authentizität (dem wahren Selbst) stellen zu wollen...

 Die Rechte der Kinder
Um Neid geht es in diesem Buch nicht in erster Linie, doch es erklärt ihn auf eine besondere und verständliche Weise. Alice Miller setzte sich ihr Leben lang für die Rechte der Kinder ein, und beschrieb in zahlreichen Büchern, wieviel Leid Kindern von ihren Bezugspersonen zugefügt wurde, ohne dass diese adäquat zur Rechenschaft gezogen wurden und heute noch werden. 


 Alice Miller mit ihrer Kunst im Hintergrund

Vielmehr im Gegenteil wurde das Kind und sein Verhalten durch die v.a. Freudsche Psychoanalyse überstark sexualisiert, und die Eltern durch die Triebtheorien von ihrer Verantwortung dem Kind gegenüber nahezu freigesprochen. Ebenso prangert Alice Miller die weiterhin fortbestehende Idealisierung der Mutterliebe an, die scheinbar alle "Entmystifizierungstendenzen unserer Zeit" überdauert hat.


 Ursprünge des Selbstverlustes beim Kinde
Alice Miller beschreibt, inwieweit Kinder von ihren oftmals emotional sehr bedürftigen und unsicheren Müttern für ihre Zwecke unbewusst "mißbraucht" werden. Die bedürftigen Mütter, selbst ihrer bedürftigen Mutter entronnen und einst als Kind "verfügbar", sehen in ihrem Kind endlich ein Wesen, dass von ihnen vollständig abhängig ist und dass sie nach ihren Vorstellungen "formen" und "erziehen" können. So kann sie sich die langersehnte Rücksicht und v.a. Respekt verschaffen. Miller schreibt, dass die Mutter ihr Kind "narzißtisch besetzt". 
Sie wollen es evtl. besser machen, wie noch ihre Mütter und auch Großmütter vor ihnen, wollen ihr Bestes geben, was jedoch nur allzu häufig dann doch dem altbekannten Muster entspricht, welches sie in frühester Kindheit gelernt haben. Das Muster wird - wenn es unaufgearbeitet bestehen bleibt - einfach wiederholt. So kann es von Generation zu Generation weiter bestehen bleiben, ohne dass eine Veränderung der Situation eintreten kann.  Ebenso verhält es sich mit Erinnerungen an die früheste Zeit im eigenen Körper, welcher alle Erfahrungen der Vergangenheit in sich aufgenommen hat, welche sich später als Somatisierungen jeder Form und Härte zeigen können (siehe dazu Alice Miller: Die Revolte des Körpers, 2004; http://www.alice-miller.com/bucher_de.php?page=11)

 Dieses Buch betrifft jede/n
Dieses Thema betrifft wahrscheinlich mehr Menschen, als der leicht abschreckende Begriff der narzißtischen Persönlichkeit und Narzißmus im Allgemeinen vielleicht den Anschein hat. Im Kern mag es vielleicht sogar jeden treffen und berühren, denn was es in diesem Buch zu Lesen gibt, ist menschlich und handelt von Grundbedürfnissen und Gefühlen wie u.a. der großen Angst, nicht mehr geliebt zu werden, wenn wir nicht dem entsprechen, was von uns verlangt wird (Angst vor Liebesverlust). 


"Im Grunde war die nach außen so gut funktionierende Mutter beim eigenen Kind selbst ein Kind geblieben." (Miller, S. 66)



Das Kind wiederum - vollständig abhängig von der Mutter - richtet seine narzißtischen Bedürfnisse an sie, die jedoch nicht gehört und gesehen werden können, da die Mutter ausschließlich mit sich und ihren eigenen Bedürfnissen v.a. nach einer Spiegelung beschäftigt ist. Es erfährt von der Mutter daher keine Spiegelfunktion, um ein wirkliches Selbst entwickeln zu können. 

"Es selbst bleibt ohne Spiegel und wird in seinem ganzen späteren Leben vergeblich diesen Spiegel suchen" (Miller, S. 60)

  Sehr bald steckt es seine eigenen grundsätzlich narzißtisch-symbiotischen Bedürfnisse, v.a. aber die eigene lebendige Gefühlswelt zurück und entwickelt sie so nicht mehr weiter. Besonders emotional begabte Kinder sind die Leidtragenden in diesem Beziehungs-Drama. Es richtet sich nach der Mutter aus, wandelt sich so, wie es von der Mutter gerne gesehen wird. Es entwickelt eine, nach Miller, "Als-ob-Persönlichkeit", die nicht dem eigenen Selbst, aber einem "Ich" entspricht, das der Mutter gefällt und die Mutter "spiegelt" - nicht aber das Kind in seinem besonderen So-Sein. Ein konstruiertes Ich entsteht, ausgerichtet an dem, was es als liebenswert erkennen kann.

 Depression versus Grandiosität
Das führt beim Älter-Werden dazu, dass das Subjekt die eigene gefühlvolle Seelenwelt und damit seine Lebendigkeit nicht leben kann. Da es "begabt" d.h. sensibel und einfühlsam ist, hat es über die Zeit seine v.a. kongitiven Fähigkeiten aber auch andere vielfältige Talente, sich gesellschaftlich in ein gutes Licht zu stellen, hervorragend entwickelt, so dass es gut an das Leben angepasst sein kann. Leider ist es aber so, dass durch die Nicht-Entwicklung des Selbst auf der einen Seite eine große Leere empfunden wird, die sich in Depression zeigen kann und auf der anderen Seite eine Art illusionäre Grandiosität durch die eigenen vorzeigbaren Talente entwickelt wird, die es über alle dunkleren Momente des Lebens mit besonderer Brillianz "erhebt". Der "Absturz" nach den grandiosen Phasen ist umso tragischer, da sich schnell wieder die abgewehrte Leere zeigen kann. Ein circulus vitiosus entsteht.

"Gehört nicht die Mutterliebe zu den 'geringsten' aber auch unentbehrlichsten Dingen im Leben, die viele Menschen - paradoxerweise - mit dem Verzicht auf ihre Lebendigkeit bezahlen müssen?" (Miller, S. 53)

Die unbewusste Re-Inszenierung des eigenen Selbstverlustes
Das frühe Drama des Selbstverlustes des nunmehr erwachsenen Kindes wird in seinem Leben in den verschiedensten Situationen unbewusst "re-inszeniert", so dass es immer wieder Versagungen und mißliche Lagen erfährt, die oftmals viel Leid auslösen, aber ohne Aufarbeitung der eigenen Geschichte sich nicht auflösen lassen und ein Leben lang fortbestehen können.   

"Im ganzen späteren Leben dieses Menschen werden von ihm unbewusst Situationen inszeniert, in denen diese damals nur im Ansatz vorhandenen Gefühle aufleben können, aber ohne dass der ursprüngliche Zusammenhang verständlich wird." (Miller, S. 26) 

Über Neid...
Neid ist ein wesentliches Symptom von mehreren Symptomen, die bei narzißtisch geprägten Persönlichkeiten oftmals und verstärkt auftreten. Es erklärt sich aus der schnell empfundenen Leere der Selbstlosigkeit, wenn das Subjekt mit jemandem konfrontiert wird, der sich etwas Lebendiges/ Authentisches bewahrt oder sich im Laufe seines Lebens erarbeitet hat. 


Alice Miller | Kunst


Dazu Alice Miller, S. 78 f.:  

Grandiosität versus Depression = inneres Gefängnis
Der Grandiose: empfindet sich als das gelungene Kind der Mutter (der Held-Typ)
Der Depressive: empfindet sich als das mißlungene Kinder Mutter (der Versager-Typ)

Gemeinsamkeiten:

1. ein falsches Selbst (Winnicott)/ Als-ob-Persönlichkeit (Miller) - hat zum "Verlust" des   
 möglichen Selbst geführt
2. Brüchigkeit der Selbstachtung (keine Sicherheit über das eigene Fühlen/ Wollen)
3. hohes "Ich-Ideal", daraus folgend übermäßiger Perfektionismus
4. Verleugnung der verachteten Gefühle (der fehlende Schatten im Spiegelbild)
5. Überwiegen von narzißtischen Objektbesetzungen
6. große Angst vor Liebesverlust/ große Anpassungsbereitschaft
7. Neid (auf die Gesunden)
8. starke (abgespaltene), nicht neutralisierte Aggressionen
9. Anfälligkeit für Kränkungen
10. Anfälligkeit für Scham- und Schuldgefühle
11. Ruhelosigkeit

Was eine Aufarbeitung der eigenen wahren Kindheitsgeschichte bewirken kann...
Die Befreiung von der Depression und damit von dem eigenen Selbstverlust bewirkt, nach Miller, nicht eine fortwährende Fröhlichkeit oder eine andauernde Abwesenheit von Leiden, sondern vielmehr die Möglichkeit, spontan auftretende Gefühle authentisch und lebendig leben und integrieren zu können. Sie offenbaren, nach Miller, die ganze Skala des Menschlichen, und schließen auch Gefühle/ Affekte wie Neid, Eifersucht, Wut, Empörung, Habgier, Verzweiflung und Trauer mit ein.  

"Die Fähigkeit zu trauern, d.h. auf die Illusion über die eigene 'glückliche' Kindheit zu verzichten, gibt dem Depressiven seine Lebendigkeit und Kreativität wieder und kann den Grandiosen [...] von den Anstrengungen und der Abhängigkeit seiner Sisyphos-Arbeit befreien" (Miller, S. 94). 

Die unbewussten unaufgearbeiteten Inhalte bleiben unverändert und damit zeitlos bestehen - der Schlüssel zur Veränderung liegt im Bewusstwerden der eigenen Wahrheit... 

"Das Paradies der präambivalenten Harmonie, auf das so viele Patienten hoffen, läßt sich nie erreichen. Aber das Erleben der eigenen Wahrheit und das postambivalente Wissen um sie, ermöglicht, auf einer erwachsenen Stufe, die Rückkehr zur eigenen Gefühlswelt - ohne Paradies, aber mit der Fähigkeit, zu trauern." (Miller, S. 32) 

Alice Miller | Kunst


Über Alice Miller | Klappentext Buch
A.M. studierte in Basel Philosophie, Psychologie und Soziologie. 20 Jahre lang arbeitete sie als Psychoanalytikerin, bevor sie sich 1980 entschloß, ihre Praxis und Lehrtätigkeit aufzugeben, um über die Ergebnisse ihrer Kindheitsforschungen zu schreiben. Sie starb am 14. April 2010 im Alter von 87 Jahren. 


Weiterführender Link:  | Alice Miller website
 http://www.alice-miller.com/index_de.php


Begriffe im Buch: 
+++ Selbstverlust + Selbstfindung + Depression + Grandiosität + gesunder Narzißmus + die narzißtische Störung + Analyse + Abwehrmechanismen + Neid + narzißtische Besetzung + Anpassung des Säuglings + Reinszenierungen + Verfügbarkeit des Kindes + falsches Selbst (Winnicott) + Als-ob-Persönlichkeit (Miller) + partielle Tötung von Möglichkeiten/ Lebendigkeit + Permanenz der Bindung + trial & error + Angst vor Liebesentzug + wahres Selbst + Übertragung + Verwahrlosung + Annahme der eigenen Wahrheit + Trauer über das Vermißte + Ichideal + Narzissos + Depression und psychosomatische Leiden + Freiheit/ Lebendigkeit + introjizierte unbewusste Verachtung + ödipale Gefühle + Demütigung + narzißtische Wunde + Wiederholungszwang + Zwangsneurose + Perversion + Regression + Das Verdorbene/ das Böse/ Grausamkeit + Hörigkeit + Kreativität + Trauerarbeit + Vergeltungswünsche etc.pp +++ 
 



pics: thanks web! 

+++ Von Fischen +++ by Gunilla Göttlicher

Fische schwimmen im Wasser hin und her wenn ein Angelhaken kommt denken sie ersteinmal über dessen tieferen Sinn nach Erinnerung an Finnland, 2009