Samstag, 25. Juli 2015

Serie JA zum Leben! | Gedanken zu mir und der Welt

Serie JA zum Leben!  | Gedanken zu mir und der Welt


Be a lamp, or a lifeboat or a ladder. Help someone's soul heal.
Rumi
Die eigene Skulptur freilegen oder: Vom Willen, zu sich selbst zu kommen 




Was mich schon so lange beschäftigt, ist das Phänomen, dass selbst akademisch gebildete Menschen in therapeutischen Berufen, in ihrer Wahrnehmung, so intensiv eingeschränkt sein können, und ihre individuell angelegten Erfahrungs-Muster unreflektiert auf andere projizieren. Ich persönlich wollte dieses Phänomen lange nicht wahrhaben. Ich dachte, das kann es nicht geben, weder bei mir noch bei Anderen.


Ich habe lange geglaubt, dass sog. gebildete Menschen, studierte Akademiker v.a. der therapeutischen und kulturellen Berufe, irgendwie anders ticken, vielleicht gar reifere oder zumindest reflektiertere Menschen sein müssten, als Otto-Normal-Verbraucher. Zumindest entsprach das dem Bild, das mir seit meiner Kindheit vermittelt wurde.



Ideal-Ich versus erwachsenes Individuum


Heute weiß ich, das stimmt so nicht. Ich habe über die Zeit durch viele wertvolle Erfahrungswerte anerkannt, dass es nicht so sehr auf die hochgehaltene äußere Bildung, sondern die innere, die emotionale Bildung und Intelligenz (Herzens-Bildung) ankommt, der man durch gelebte und reflektierte Erfahrung mit Anderen näherkommen kann. Es gibt sehr viele Therapeuten, die gerne und gut anderen helfen, sich aber selbst kaum wirklich helfen können, da sie keine Hilfe annehmen dürfen und können. Sie kreisen in ihrem Ideal-Ich (in verschiedenen „Rollen“) um sich selbst und lassen keine wirkliche Entwicklung zu, obwohl sie nach Außen so-tun-als-ob. Ich kenne mittlerweile davon zahlreiche Beispiele, und bin darüber immer noch erschüttert. So tief sitzt der eigene Stachel und Schmerz, so tief ist die Verletzung, dass ein Seins-Ideal (Ideal-Bild oder Ich-Ideal) besser zupass kommt, als das eigentlich verletzte Kleine, vielleicht gar früh traumatisierte Kern-Selbst. 
 
Das Buch „Die narzisstische Gesellschaft – Ein Psychogramm“ von H.J. Maaz brachte mir da noch mehr Gewissheit und Klarheit rein, dass auch und gerade die Mächtigen, auch Ärzte und Therapeuten neben Politikern, Managern etc. ihr idealisiertes Größenselbst (auch möglich: Größenklein als ewige Verlierer und damit Opfer) ausleben: 

Menschen mit narzisstischen Störungen brauchen problematische und leidvolle gesellschaftliche und soziale Verhältnisse, die ihnen helfen, ihr wirkliches Leid zu vertuschen und zu vergessen.“ (H.-J. Maaz, Die narzisstische Gesellschaft, S. 85). 


 

Auch ich kenne diese Thematik gut – bis heute und ich denke bis an mein Lebensende. Ich kann mich erinnern, dass meine Welt mit 23 Jahren wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen ist – in der Therapie, die ich wegen anhaltender Depression mit Suizidgedanken aufsuchte und auch im Gesangsunterricht, den ich wahrnahm, um meine Stimme zu finden. Im Gesangsunterricht wurde es mir besonders deutlich: da ich den Gesangslehrer gewechselt hatte, weil ich mit meinem vorherigen nicht weiterkam, wurde mir in den Stunden mit dem neuen Lehrer und seiner besonderen Methodik bewusst, was er mit meiner Stimme, durch die vielen Übungen hindurch, tat: Er nahm sie buchstäblich auseinander – viele einzelne Puzzleteile gab es, die irgendwie falsch zusammengesetzt waren und neu zusammengesetzt werden mussten. 
 
So kam ich mir dann auch generell vor: meine Puzzleteile – meine eingeprägten Erfahrungen und daraus resultierenden Glaubenssätze, mussten radikal hinterfragt und ob ihrer Richtigkeit für mich heute abgeklopft werden. Alles war da, das beruhigte mich ungemein, aber die Skulptur, die sich daraus ergab, erschien irgendwie unproportional unstimmig zu sein. Irgendwie noch eine Art künstliches Selbst, nach Alice Miller „Als-ob-Persönlichkeit“ oder auch falsches Selbst. Es schien darum zu gehen, sich seine eigene Wahrheit anzuerkennen, sein Bild von sich selber einem Wahrhaftigkeits-Check zu unterziehen. Bin ich das, was ich von mir denke, wirklich? Wenn ja, wie kann ich das erst mal anerkennen und anschauen und mich dann weiterbewegen, weiter zu mir selbst? Vielleicht bin ich ja noch viel mehr, als ich mir heute vorstellen kann?



Das Ideal einer Mutter und das schwarze Schaf der Familie 



Ein ähnliches Phänomen, vielleicht der Ursprung des Ganzen, erlebte ich auch mit meiner mütterlichen Bezugsperson. Die vielen positiven Mythen und Bilder von der guten, heißt bedingungslos liebenden Mutter, wollten nie so recht zu dem Mutterbild passen, das ich erlebt und in mir hatte. Was ich oft erlebte, war Neid, Eifersucht und zahlreiche Gewaltausbrüche seitens der Mutterfigur, die aber allesamt nur von mir als wahr und über die Jahre von mir mehr anerkannt werden konnten – mein aggressiv-gefärbtes Mutterbild durfte nicht sein, war in meiner familiären Welt Tabu: mein familiäres Umfeld versuchte mir systematisch auszureden, dass meine Wahrnehmung, seitens der Mutter Gewalt und aggressive Gefühle zu erfahren, stimmte. Es durfte einfach nicht sein, weil es nicht dem Ideal-Bild der Mutter-an-sich und dem Bild einer Ideal-Familie entsprach. Es ging so weit, dass ich von der gesamten Familie als das sog. Schwarze Schaf im Sinne des Ver-rückt-Seins betrachtet und immer wieder ausgegrenzt wurde, und immer nur ich an der entstandenen aggressiv-gewalttätigen Disharmonie schuld wäre. 
 
Das ist im Großen und Ganzen auch heute noch so. Das reale mütterliche Verhalten mir als Tochter gegenüber kann sich keiner aus meiner Familie anschauen, ohne es sofort mir zuzuschreiben. Das ausgeprägte Schwarz-Weiß-Denken der Mutterfigur wurde unhinterfragt vom Rest der Familie übernommen. Es hätte, bei Eingeständnis eines Fehlers, den Zusammenbruch ihres Ideal-Bildes der Mutter-an-sich und der Familie bedeutet, wieder eine schwankende Kartenhaus-Konstruktion. Eine weitere Entwicklung ist abzuwarten - ich bin dran und beschreite vielleicht mal neue Wege. Auch hier greift die Idee der transgenerationalen Weitergabe von Trauma – wenn es unhinterfragt und nicht emotional durchgearbeitet wird, entsteht in der Familie viel Leid. 
 
Ganz ähnlich fand ich es auch in der Geschichte der Psychologin und Kindheitsforscherin Alice Miller, einer auch von mir fast idealisierten Autorin, deren Schriften über Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung wie „Das Drama des begabten Kindes“ (1979) und „Am Anfang war Erziehung“ (1980) u.a. ich gerne lese, ernst nehme und rezitiere; von der ich in dem Buch ihres Sohnes ihre wahre und rekonstruierte Geschichte erfahren durfte – wie sehr sie bei ihrem eigenen Sohn Vernachlässigung und auch schweren Missbrauch betrieb, und der auch erst ein wütendes Rache-Plädoyer gegen seine Mutter entwarf und dann nochmals, angeregt durch eine emphatische Verlegerin, seine wahre und mittlerweile reflektierte Geschichte erzählte. Martin Miller bringt das Kunststück fertig, die eigentliche und von ihr sorgsam verschwiegene Geschichte seiner Mutter zu erzählen, nichts zu beschönigen und auch von einer transgenerationalen Weitergabe von Trauma zu sprechen (Martin Miller: Das wahre 'Drama des begabten Kindes'. Die Tragödie Alice Millers – wie verdrängte Kriegstraumata in der Familie wirken.“)



Die vielen Facetten einer Mutterfigur und der Wille zur Freiheit 


Heute weiß ich, dass es in den Frauenfiguren der Welt, z.B. in der hinduistischen Götterwelt sehr viele verschiedene Facetten des Weiblichen gibt – die Shakti als die weibliche Urkraft des Universums zeigt zahlreiche Ausgestaltungen der Großen Mutter wie die kämpferische Durga auf ihrem Löwen, Sarasvati (Kunst, Wissenschaft), Lakshmi (Glück, Reichtum, Schönheit) und Parvati (sanft als Uma, kriegerisch als Durga). Die Göttin Kali entsteht aus den Göttinnen Sarasvati, Lakshmi und Parvati, wenn das Unheil im Weltgeschehen überhand nimmt; sie ist die Zerstörerin, aus deren Zerstörungskraft neues Leben erwächst.
Heute kann ich immer mehr mein Leben sehen, als ein Leben zur persönlichen Freiheit hin. Und mir ist es wichtig und wesentlich geworden, meine eigenen und wahrhaftigen Puzzleteile zu sehen und zu begreifen, und immer mehr zu meinem Leben zusammensetzen zu können. 
 
Meine eigene Wahrheit ist, bei Lichte betrachtet, berührend. Immer mehr kann ich mich an meine Hand nehmen und mir mich zeigen, mich von mir selbst berühren lassen. Ich habe begriffen, dass es darum geht, mir selbst eine liebende Mutter und Schwester zu sein, auch wenn ich viel von Außen an Input einholen muss, weil es mir noch immer als Phänomen neu ist. 
Das Bild der bedingungslos liebenden Mutter, der Großen Mütter der Urreligionen wie Inanna (sumerisch), Ishtar (babylonisch) und Astarte (phönizisch), dann der christianisierten Maria und Maria Magdalena oder auch Shakti (Sarasvati, Lakshmi, Parvati), ist mir nicht so vertraut wie das der kämpfenden Durga und der zerstörerischen Kali. Dennoch weiß ich mittlerweile, dass es in mir eine warme und lebendige Mütterlichkeit gibt, für mich und auch für Andere.



Ausprobieren – Hinfallen – Aufstehen (Krone richten) und seine Wunden zeigen – wachsen! 




Ich probiere mich aus, gebe mein Bestes, falle hin, stehe wieder auf, besehe mir das Geschehen, versuche daraus Schlüsse zu ziehen, gehe in den Dialog mit Anderen, zeige mich, zeige meine Wunden und auch meine Schönheit, die vielleicht gerade aus meinen Wunden erwächst. Ich habe damals mit 23 Jahren einen spannenden Selbst-werdungs-Prozess in Gang gesetzt, der vielleicht auch den Namen Individuationsprozess (nach C.G. Jung) tragen darf – mit schon zahlreichen Nachmeerfahrten in meine persönliche Unterwelt. Heute mit 40 Jahren, also nach mittlerweile 17 Jahren Selbst-Erfahrung, kann ich meine Skulptur, die ich bin, schon etwas besser anblicken, finde sie stimmiger, ausdrucksvoller und: es ist bis zum Ende des Lebens noch viel zu erfahren, es hört lange nicht auf. Mittlerweile gefällt mir das. Es bleibt bis zum Schluss spannend!


Darüber hinaus, und das beeindruckt mich besonders, hat Frau, habe ich noch viele andere weibliche Archetypen in mir, die ich aufspüren und entdecken darf. Eine liebe Freundin gab mir ein Buch mit dem schönen Titel „Königin und wilde Frau“ zu lesen, und es ist herrlich, was es dort alles zu entdecken gibt: Linda Jarosch und Anselm Grün beschreiben darin weibliche Archetypen anhand biblischer Frauengeschichten. Dennoch kommt auch das Heidnisch-Weibliche nicht zu kurz. Beschrieben werden 14 Frauenarchetypen – von Debora, der Richterin, über Esther der Königin, hin zu Eva der Mutter, zu Maria Magdalena, der leidenschaftlich Liebenden bis hin zu Tamar, der wilden Frau.
Aber darüber schreibe ich ein nächstes Kapitel – es gibt ja so viel in sich, in Anderen und in der Welt zu entdecken! 


Glückauf, Ihr Lieben! 

HerzLicht 
Gunilla Göttlicher 
 
am 25.07.2015

 
Bilder (Collagen) by *Die Welt der Lumi Divinior by Gunilla Göttlicher*

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