Dienstag, 15. August 2017

Klangtherapie | Die Körpertambura


Klangtherapie | Die Körpertambura

Über meine Erfahrungen mit der Körpertambura
im Rahmen von Palliative Care & Allgemeinmedizin
+ Ein Forschungsprojekt +



+++ Postbaustelle +++ hier wird noch gedacht und geforscht! +++ Postbaustelle +++ 

Seit meinem Beginn im Jahre 2010, Kunsttherapie im Rahmen von Palliative Care anzubieten, erforsche ich neben der Bildenden Kunst auch die Darstellenden Künste - v.a. den Performanceaspekt und den Klang. Von diesem soll hier die Rede sein. Die Namen habe ich geändert. 

Gesang und Stimme gehören schon lange zu meinem Repertoire, den Anderen anzusprechen und zu begleiten. In diesem Blogpost möchte ich darüber schreiben (versuchen), welche Erfahrungen ich mit der Körpertambura (KT) sammeln darf.

Mein Erfahrungsfeld umfasst eine Fachklinik (Lungenheilkunde) und ein Akutkrankenhaus.


Alles begann mit Marie 

Marie war ein wirkliches Wunderwerk: Sie schien, als eine der ganz wenigen Menschen mit einem sehr gemein verlaufenden Lunkenkrebs, diesen tatsächlich überleben zu wollen. Sie war zwischenzeitlich sogar schon in einem Hospiz gewesen, aus dem sie wie "geflohen" ist. Sie wollte wieder zuhause von ihrem Mann betreut werden - das war ihr alles nicht geheuer. Ich wusste nur von dem Hospizaufenthalt, und war mehr als verwundert, als mir Marie auf dem Flur im KH mit dem Rollstuhl entgegenkam; ich hätte sie fast nicht erkannt, und ich muss gestehen, dass ich meinen Augen nicht traute, als ich sie dann doch wiedererkannte: ihr Gesicht war aufgedunsen vom Cortison, ihre Haare in üppig struppiger Fülle nachgewachsen, und sie war unglaublich traurig über ihr Dasein, so wie es sich zeigte. Und sie war so wütend. Über alles und jeden und v.a. über ihr Leben. Am liebsten hätte sie nochmal von A angefangen.
Ich kam genau in diesem wütenden Moment. Dort konnte sie mir auch endlich sagen, wie wütend sie auf mich war, als ich vor ca. einem Jahr, so munter auf sie zutrat, und in der Mobilitätsbegleitung (in Koop. mit der Physiotherapie) nicht sie in ihrer labilen Befindlichkeit sah, wie sehr sie litt und unglücklich war. Ein Jahr hatte sie damit gewartet, hatte nicht den Mut - jetzt konnte sie es mir sagen und ich war froh darüber. Und sie auch.
Ich bot ihr das Spiel mit der KT an. Sie willigte ein und genoss. Ich spielte das erste Mal sehr sanft, weil ich noch nicht geübt war und auch ihre Unleidlichkeit nicht herausfordern wollte. Ihr innerer Kobold, der ihr stetiger Begleiter während der Krankheit war, kehrte wieder zurück. Er war lange verschwunden. Nun war er wieder da, und ihr kam das Bild, wie ich es ihr damals eines zur besseren Veranschaulichung im Netz gefunden und ausgedruckt hatte. Ein Kobold auf einem Stein an einem Hang, mit Schildkröte und einem anderen Koboldfreund.
Beim nächsten Mal traute ich mich schon etwas mehr, spielte leicht intensiver; doch sie bat freundlich und klar, dass ich doch sanfter spielen möge. Ui, war mir das unangenehm, musste ich mir doch meine Unerfahrenheit eingestehen; das Spiel erfordert Übung. Dennoch fand sie wieder hinein in ihre Waldlandschaften mit ihrem Kobold, der recht zufrieden schien.

Das Spiel mündete bei Marie in sie entspannende innere Bilderlandschaften mit Fabelwesen, die sie allesamt zu beruhigen wussten. Ein innerer Freund - der Kobold, vielleicht ihre Intuition (Ausdruck für: verläßliches Bauchgefühl; Vertrauen in sich selbst etc.), kehrte wieder zurück. Und in den Momenten mit der KT war einfach mal so einiges gut, auch wenn das Resümmierte und Insgesamte so manchesmal nicht so geglückt ausfiel.



Herr Müller schläft selig
Käppi auf, Bett hochgestellt - Beam me up, Gunny!
Herrn Müller erzählte man von der Möglichkeit, sich auch durch den Klang eines Instrumentes entspannen zu können. Er liebte Entspannt-Werden, sozusagen einfach Nichts-Tun-Müssen, einfach sich dem Moment hingeben und dann mal-sehen. Er litt unter einem bösartigen Lungentumor und hatte eine offene bzw. auch schwer zuheilende Wunde am Thorax. Ich habe ihn eigentlich nicht wirklich in dem Sinne persönlich kennengelernt. Seine Frau war manchmal mit beim Spiel dabei - sie war dann da und durfte miterleben, dass ihr Mann einfach einschläft und sich leicht tiefenentspannt.
Unser Ritual war folgendermaßen: Ich klopfte sanft an, begrüßte ihn und fragte, ob er wieder eine Klangentspannung haben wolle. Er sagte dann und eigentlich immer ja, und machte sich dann bereit - das umfasste das Bett selbständig hochfahren, sich bequem hinlegen, sein schwarzes Käppi auf, das wir manches Mal nochmal suchen mussten, dann schloss er wohl die Augen. Ich spielte und er schlief ein, wie bei einer guten beruhigenden Gutenachtgeschichte. Ich schlich mich dann leise aus dem Zimmer und werde leider nie mehr erfahren, wie es für ihn war und was in ihm vorging. Aber er war zufrieden mit der Wirkung, schnell und sanft in den Schlag gespielt zu werden.  



Erfahrungen so vielfältig wie Kulturen
Manche reagieren auch mal ganz anders -

ja, so Seiten, die schwingen... - Herr Schulz
Ich kann mich an einen Patienten erinnern, der mich auch sehr "herausforderte". Er wollte nicht wahrhaben, wie krank er war, so stellte er auf einen Standby-Modus, ein stillgestelltes Bild seines Seins, eine Art Totstellreflex, um den Moment "auszusitzen", und irgendwie in der Hoffnung, dass das alles sowieso nur ein böser Traum wäre (und wenn er aufwache, gesund und munter sei). In manchen Momenten, als ich ihn zum ersten Mal sah, war er ziemlich durch den Wind. Nicht wirklich im Hier und Jetzt und recht fixiert auf den Fernseher. Ich hatte in der Palliativteamsitzung den Auftrag bekommen, mit ihm seine mentalen Fähigkeiten durch emotional-besetzte Bilderarbeit zu stärken. Die Situation, die sich mir bot, war - ein Mann schaut wie gebannt auf einen Fernseher, in dem ein Aufklärungsfilm der Lungenklinik in Schleife läuft. Ich schaute längere Zeit mit, erkundete die besondere Wirkung, und ließ mir erklären, was für ihn dort vor sich ging. Das Geschehen im Fernsehen beruhigte ihn tief, die immer gleichen Gesichter mit weißen Kitteln, die beruhigend von Therapiemöglichkeiten erzählen. Und er verwob sich und einen Freund mit ein, in dem er mir erzählte, die TV-Kabel hätten er und sein Kompagnon verlegt. Kein Sedativum oder Entspannungsmethode konnte das so erreichen, wie dieser Auklärungsfilm und später RTL2 mit den SoupOperas der Unschönen und Reichen. Er klarte auf. Wir waren dann auch mal im Rollstuhl draußen. Ich erzählte ihm von der KT und er sagte kurzerhand "Her damit". Ich versuchte nochwas von "Meditation" und "Augen schließen" zu sagen, doch das kam nicht wirklich bei ihm an. Ich spielte, er behielt die Augen offen. Dann sagte er nur "Ja, Seiten klingen, mehr nicht - keine Melodie". Hm, dachte ich und nahm Rosinante heiter zurück in ihre Tragetasche. Diese beiden konnten leider keine Freundschaft schließen - der Fernseher und seine sedierende Wirkung hatte hier gewonnen.     


sofort verändert sich das Körpergeschehen in der Brust/Herzgegend (zu sensibel für Klang) - Frau Hoening
Im Akutkrankenhaus hatte ich das Vergnügen Frau Hoening kennenzulernen. Ich war bei den physiotherapeutischen Übungen (Koop. mit Physiotherapie: Mobilitätsbegleitung) mit dabei, wir redeten dabei über feine Handcremen und Düfte. Auch die Zimmernachbarin gleichen Alters, beides feinere Damen, passten gut zueinander - ein fein duftendes sehr freundliches Zimmer.
Ich blieb nach der Physiotherapie noch ein wenig und erzählte von meiner KT. Frau H. gab zu Bedenken, dass ihre Gynäkologin ihr Klangschalentherapie anempfohlen hatte und auch selber welche durchführte. Die Klänge berührten sie buchstäblich und auch gleich zu stark, drangen in den Körper ein und brachten das mühsam aufrechterhaltene Gleichgewicht ins Wanken. Es gab also schon damals eine direkte Körperreaktion - ein Verschieben, hoch- oder Runterrutschen von diversen Körperempfindungen.
Die Zimmernachbarin wollte sie mal sehen und kurz erleben und auch die Patientin willigte ein. Ich brachte sie, legte sie nur kurz neben die Patientin auf das Bett (sie berührte sie nicht). Ich spielte, des Klanges wegen, mal einen Strich mit rechts und links einmal. Und schon bewirkte der Strich ein Herrunterrutschen der Schmerzempfindung in ihrem Brustraum/ Herzgegend. Es war ok für sie, sie konnte es benennen und wusste auch, was sie zu ihrer "Beruhigung" wieder tun könne (ruhig liegen, atmen, an Natur denken, ihre Beruhigungspille nehmen etc.)
Ich fühlte mich zuerst "schuldig", hatte ich doch solch' eine Reaktion noch nicht erlebt. Da ich mich allerdings als eine Erforscherin des Instrumentes und seiner Wirkung vorgestellt hatte, verbuchten wir beide das Phänomen als bereichernd; denn nur so, konnte ich diese Wirkung auf sie kennenlernen, und sie konnte mir genauer benennen, was in ihr vorging.

Die russische Forscherin, oder das Instrument hat zu wenig Obertöne -
Eine Anregung an den Instrumentenbauer 




Mit Dorothea von Erde eine Ahnung vom Göttlichen bekommen
Laufender Prozess

1. wunderschön - Schwere und Leichtigkeit
Vom Korsett, das wieder alles zusammenhält und einem Engel, der das Herz berührt
2. Schwimmen in der Karibik und durch eine Geburtskanal-ähnliche Öffnung hin zu den Spähren
3. Von den Galapagosinseln und den kleinen Seehunden und der Umarmung durch einen Karpokbaum (Bilder: Galapagosinsel/ Seehunde, Karpokbaum)
4. Von etwas so unsagbar Schönen, für das noch keine Worte vorhanden sind - In der Tiefe des Meeres, auf der Suche (umgeben von liebevollen Fischen, auch Haien)
5. Im tiefen Dschungel -  eine Wiese. Hohes Gras, in ihr eine tanzende Elfe, die sagt: "Komm' mit!"
6. Der Abschied von den geliebten Katzen: Im Gras mit den Katzen herumspringen
7. Winterstimmung draußen - Katzen kuscheln und beruhigen innen und die weiße, wärmende, liebevolle Decke, die engelgleich umhüllt (Anregung: Die Bilder wieder aufzuhängen und Wunsch für ein weiteres "Elfenwald" - Ich dabei als Elfe)

Dorothea von Erde wird mir durch die Seelsorgerin im Akutkrankenhaus ans Herz gelegt. Eine ältere Dame, die bereits eine beträchtliche Anzahl an Aufenthaltstagen und entsprechend Krankheiten mitsamt Symptomen, OPs (mitsamt Wundheilungsstörung) und vielerlei mehr Leidensgeschichte vorzuweisen hat. Ihre Krankenakte liest sich fast abenteuerlich, eine echte Odyssee, die mir wieder zeigt, wozu Mensch an Aus- und Durchhalten fähig ist. Ich lerne sie auf der Wachstation kennen; sie hat wieder eine OP hinter sich und ist keimisoliert. Ich darf mich zart grün mit Mundschutz & Co. verkleiden. Anhand meiner ersten Worte und ihrem Echo auf mein Gegenüber kann ich bereits darauf schließen, was für eine besondere Resonanz es gibt; sie ist außerordentlich humorvoll - ich komme gleich mit ihr ins Scheckern, was uns beiden gut tut und gefällt. Ich habe beim ersten Mal nur mich dabei, spreche aber schon von meiner charmanten Begleiterin, der Körpertambura, die ich mittlerweile Rosinante nenne (das Pferd von Don Quijote). Sie erzählt mir von ihrer für sie herrlichen Erfahrung in einem Schwimmbad, in dem ein Didgeridoospieler die Badenden bespielte.

Beim nächsten Mal ist sie nun dabei; sie ist gleich in Rosinante verliebt; das ist spürbar - ich spiele, und Dorothea geht tief hinein in den Klang. Was sich zeigt ist einfach erstaunlich: Ihre Reaktion ist pure Rührung; sie weint. Ihre asiatische Freundin, die sich rührend um sie bemüht, wittert fast, dass es ihr nicht gut tun könne, weil sie ja weinen würde. Ich lasse es offen und verweise nur auf die persönliche Erfahrungswelt von Dorothea mitsamt postitiver Bewertung für ihren Zustand. Auf mein Nachfragen hin, beschrieb sie mir, dass sie sich das erste Mal seit Langem wieder ganz fühlen würde, sanft umgürtet von einem feinen Korsett. Sie wählte als erstes das Wort "wunderschön", und wiederholt es ein paarmal; auch fallen Worte von "schöner Schwere" und auch "Leichtigkeit". Dann erzählt sie weiter, in ihrem tiefen Inneren, im Herzen, eine Berührung wie von einem Engel. Sie ist voller Freude. Ich solle unbedingt wiederkommen und fühle mich eingeladen.


Unser nächstes Mal gestalte ich mit zweimal Spielen - ich lege erst oben an, dann nochmal unten. Dazwischen eine Erzähl- und Atempause. Sie ist allein im Zimmer, immer noch auf der Wachstation - ich verkleide mich wieder. Ich bekomme mit, wie sich der Konsilpsychiater um sie bemüht, und ihre Ressourcen benennt, wie auch Möglichkeiten aufzeigt, wie sie die Zeit für sich gestalten könne.
Dann bin wieder ich dran und werde nahezu schon sehnsüchtig erwartet; ihr Bruder kommt etwas später dazu. Wir laden ihn zum Klangerlebnis ein.
Sie schließt wieder die Augen und ich wünsche ihr gute Reise. Sie reist zu den Galapagosinseln
...
































Donnerstag, 8. Juni 2017

Aquarien & Blumen Träume(n) | Eine Kunsttherapiesaga


Aquarien & Blumen Träume(n) | Eine Kunsttherapiesaga in vier Teilen





Kunsttherapie im Rahmen der palliativen Komplexbehandlung

Manchmal darf ich Persönlichkeiten kennenlernen, mit denen man Äpfel stehlen gehen kann. Manchmal sind sie vielleicht leicht anders und auch seltsam in den Augen mancher - ich mag gerade solche Menschen - sie sind einfach wundervoll und sie haben mich inspiriert -



Hr. W. ist ein solcher. Er ist Mitte 60 und hat schon viele Berufe durchlebt. Er ist geschieden, ohne Kinder. Er redet viel, man könnte sagen, fast ununterbrochen. Doch man darf ihn unterbrechen, ihm Vorschläge machen. Er liebt Respekt und Freiräume und das Beschwingtsein - er nennt es fröhlich "Schusslaveng". Das lenkt ihn von seiner vielleicht traurigen, manchmal eintönigen oder auch einsamen Realität ab. Seine Lebensaussicht und damit - zeit ist begrenzt - doch er wünscht sich Möglichkeiten und möchte in der Welt etwas zu tun haben dürfen. Er bietet mir seine Ideen und Inspirationen an, ich greife sie auf und biete wiederum Varianten des künstlerischen Ausdrucks an. Es kommt viel, ich muss eigentlich wenig tun als wirklich Zuhören und mich dem Moment hingeben. Mit ihm kann man spielen, er liebt es. Und ich auch.

Hier mal ein Auszug aus den E-Mail-Texten, die ich an die Kollegen geschrieben habe, um ihnen den künstlerischen Prozess mit dem Patienten aufzuzeigen.

1. Teil 1 der Saga - Aquarium auf Tisch - Fische versteckt 




hier das Bild mit
Aquarium auf Tisch - Fische versteckt (Arbeitstitel) von Hr. W. 
29.05.2017 - Aquarellstifte, Versuch mit Wassertankpinsel
will doch lieber ohne Wasser, mit Buntstiften
er malt alleine

Das nächste wird im Format größer.
Er hat viele Ideen, läßt sich gerne mitreißen und inspirieren -
rührend ist seine Art, einfach zu tun
sich ein Projekt zu setzen
schön sowas, fast herzerfrischend!
Das nächste Bild wird ein Schiff zeigen, sagt er
das kommt ihm schnell - vielleicht gestrandet und mit Muschel
Kreieren hilft ihm, sich zu entspannen
mehr zu sich und seiner Phantasie zu kommen -
einem Raum, in dem mal vieles einfach gut ist
Die Fische haben nicht mehr reingepasst, sagt er
Aber, sie sind da - hinter den Pflanzen...
Man muss nur Phantasie haben, sagt er...
Hab' ich, sag' ich ihm.
Ein guter Moment.

Ich bin schon sehr gespannt, wie's weitergeht -


2. Teil der Saga - Ein Fisch entsteht

Hr. W. malt alleine - quasi einen Fokus ins Aquarium. Ein Fisch entsteht und Wasserpflanzen. Ich reiche bildnerische Inspirationen aus Magazinen und Zoofachhandelwerbeprospekten, was und wie man Unterwasserwelten reich gestalten kann.




3. Teil 3 der Saga - Zwei Fische im Liebestanz

Auszug einer E-Mail an die Kollegen -

Herr W. & ich haben gestern gemeinsam und im Duett weiter gemalt -
Malen im Dialog - Mixed Media - 01.06.2017

Sein Bild heißt "Aquarien Träume(n)"
mit einem Fischepaar im Liebestanz
meines "Schuss la Veng" - frei nach Herrn W.s
Fassung von "C'est la vie"  - So ist das Leben!
Hab's ihm dann geschenkt
Himmel tat das gut - so viel Lachen und UnSinn machen -
Herrlich!

Es folgen vier Bilder -
+ gemeinsam Malen im Dialog
+ sein Bild (Fische im Liebestanz unten rechts)
+ mein Bild
+ Titel meines Bildes








4. Teil 4 der Saga - Blumenromanze


07.06.2017

Ausszug einer E-Mail an die Kollegen -

Er schlug Stillleben vor
So eine Blume in einer chicken Vase
ich brachte schwarzes Tonzeichenpapier und Ölkreiden
prima, jubelte er
das tut so gut - jemand mit so viel Begeisterung zu erleben
wir ließen die Türe offen und so mancher blinzelte fröhlich herein
seine beiden Bilder heißen nun
*Blumen träumen* und *Stillleben* - meines im Dialog entstanden
*Romanze* - den Titel hat er gefunden
Wieder viel Schusslaveng
was ich gerne mit Euch teilen mag

Impressionen 

Stillleben malen - im Dialog 













Danke an alle Beteiligten, die mir diese Prozesse möglich gemacht haben, ebenso ergeht ein herzlicher Dank an Hr. W. für seine Begeisterung und die Möglichkeit und Erlaubnis, den künstlerischen Prozess bildnerisch hier zeigen zu dürfen.  Danke auch ans www für die Fischebilder.

Montag, 17. April 2017

Wider den Perfektionismus! oder: „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar!“


Wider den Perfektionismus! 
oder: „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar!“
      - Astrid Lindgren    



Eine phänomenologische Untersuchung über zwei unterschiedliche Lebensphilosophien in reinerer Form - eine, die auf Sicherheit, Stabilität und engmaschigere, innere Bilder und eine überschaubare Form gebaut ist - eine andere, die sich dem Fluß und dem Spiel des Lebens, der offeneren Form, hingibt.

Jeder hat beides als Anlage in sich. Wir beginnen unser Leben mit den Wurzeln, und damit der Idee von Basis, Stabilität, Schutz und Sicherheit. Inwieweit wir uns vorwagen können, in eine größere Freiheit mit unseren Flügeln, hängt wohl davon ab, was uns im Leben lieb und wert wird; woran wir dann "arbeiten" möchten/ können, und was weiterentwickelt werden möchte. Zu Beginn, und immer wieder, müssen wir auch erstmal an der Basis arbeiten. Ein chanchierender, wohl im Leben nie enden wollender Prozess, in dem wir uns alle, mehr oder weniger, befinden.   

Dieses Kapitel ist nicht abgeschlossen - nur heute - SO 23.04.2017 - an diesem Stand angekommen.
Wer weiß, wo die Reise hingeht!

Wurzel und Flügel 

*

Schon länger habe ich es mit Menschen zu tun, die sich in der letzteren Lebensphase befinden, im Rahmen von Palliative Care. Dort treffe ich so manches Mal auf dieses Phänomen der unterschiedlichen Lebensphilosophien. Am Beispiel der gelebten eigenen Kreativität.

Aber es betrifft Alle, die sich den kreativen, und vielleicht kindlich schöpferischen seelenvollen Funken, aus meiner Sicht, nicht wirklich bewahren konnten; und ihren inneren Vorstellungen und Bildern, wie etwas zu sein hat, erliegen. Aber vielleicht ist es für sie genau richtig so und folgerichtig, solange es sie nicht allzu leidend macht, und sie es bedauern.
Es mag ihrer Lebensphilosophie entsprechen, Leben stets im Griff und unter Kontrolle zu haben; mit ihren Vorstellungen davon, wie etwas zu sein hat. Wenn es z.B. nicht mehr so ist, wie sie es wollen und auch gewohnt sind, dann gibt es bestimmte Bereiche nicht mehr; sie werden ausgeklammert. 
Wie oft hat mir mein jeweiliges Gegenüber von ausgelebter Malerei, Zeichnung etc. erzählt. Vielleicht gab es manchmal noch sog. "Fingerübungen". Es wieder Aktivieren, und Freude daran haben, ging nicht.  

Was passiert hier?  
Von inneren, starren Bildern - "Dieser Fuchsschwanz ist nicht kräftig genug dargestellt - der würde in der harten Natur nie überleben"

Einmal hatte ich ein ca. 76-jährigen Patienten, der sich sogar eine Kreativwerkstatt eingerichtet hatte, in der er von Schnitzen , über Malen bis hin zu größeren Holzarbeiten, alles machen konnte. Es hätte so schön sein können; er wollte das kreative Erbe seiner Mutter, die an einer Kunsthochschule studierte, und wegen des Krieges ihr Studium nicht beenden konnte, antreten. Sie schuf in jungen Jahren so wunderbare Landschaften mit rührenden Tierdarstellungen - so vollkommen, so schön. Nun war er dran. Ein paar Jahre brachte er viel Schöpferisches hervor (seine Werke hatte er nicht dokumentiert). Doch dann kam die Krankheit. Schritt für Schritt nahm man ihm seine kreativen Skills, punktuell die gewohnte Kraft seiner Hände, seiner scharfen Augen und auch seines Herzens. Hoch war seine Vorstellung von Kunst, gemessen an den perfekt ausgeführten Werken seiner Mutter. Entweder so oder gar nicht. Dazwischen gab es nichts.
Er erzählte mir von einem Dokumentarfilm über die Inuit, in denen auch ihre wohl zeitgenössische Art, Kunst zu machen, vorgestellt wurde. Das gefiel ihm. Exakte Tierdarstellungen, nah am Modell und am Tier selbst dran. Ich bemühte mich, ihm Darstellungen aus dem Internet, die ich bei Eingabe Inuit und Kunst gefunden hatte, zu bringen, um ihm eine Freude zu machen: ich dachte, auch wenn ich nicht genau die Darstellungen treffe, so ist doch wenigstens die Geste herzerwärmend. Natürlich waren es die falschen Darstellungen; die ich mitbrachte, waren nicht exakt genug, trafen nicht des Pudels Kern, die Genauigkeit in der Tierbeobachtung fehlte. Hm. Ich hatte es vorher auch mit einem Digitalbild einer Mixed Media Modelliermasse/- Holz -Darstellung einer ehemaligen Patientin versucht, die sie "Insel des Glücks" nannte. Ein Stück voller Poesie und zarter Schönheit. Ich wollte ihm sanft und durch die Blume aufzeigen, mit wie wenig Aufwand man Schönes und auch Einfaches erschaffen konnte, und dachte an einen kurz knackigen Knetprozess, in dem vielleicht ein Tierchen hätte entstehen können.
Ich gebe zu, dass ich mich dann über die Zeit zwar bemühe, mir dann aber irgendwie die ursprüngliche Freude abhanden kommt. Eine Schwere hält Einzug. Ich "scheitere" sozusagen an der nahezu starren Perfektion des inneren Bildes meines Gegenübers, wie etwas zu sein hat. Nichts erreicht dieses Bild; nichts ist gut genug. Und der Mensch vor mir, kann sich an dieser Materie leider nicht (mehr) wirklich erfreuen. Es muss dem inneren Bild entsprechen, sonst ist es für ihn nichts wert. Dennoch - es hat ihn "geschützt" vor Neuem und vielleicht hätte es ihn überfordert, wenn nicht gar erstmal "überwältigt". Er wollte in seiner einmal gewählten Form bleiben.

Das Schöpferische an sich 
mit Prozess und erstmal offenem Ende



Es geht bei dieser Lebensphilosophie also nicht um das Schöpferische an sich, um das Entstehen und Werden, und die grundsätzliche Offenheit für ein offenes Ergebnis; mitsamt seiner besonderen Schönheit des Augenblickes, und damit die Anerkennung des eigentlichen kreativen Prozesses als unabgeschlossene Improvisation - wie in der Natur. Das Bild im Inneren, wie etwas zu sein hat, in einer ganz bestimmten vorgegebenen Form, dominiert die Szene.

Das ist wohl noch eine andere Lebensphilosophie, die ich mal näher untersuchen will.
Sie hat mit Mut und auch Hingabe an den besonderen Moment zu tun, in den man eintaucht, ohne vorher zu wissen, was geschehen wird und will. Vielleicht auch gar mit unserer Seele.  

 Frau Nachtigall und ihre Frau Himmlischer

Ein Beispiel ist eine ca. 75-jährige Patientin, die mich sah, und ziemlich sofort in ihr Herz schloss. Es gab tatsächlich sehr schnell etwas, was uns beide verband: Eine Spontaneität und eine ungewöhnliche Lust, gemeinsam was Auszuhecken. Als ich ein zweites Mal zu ihr kam, nannte sie mich Frau Himmlischer. Die bin ich für sie auch geblieben. Mit Frau Himmlischer und Frau Nachtigall, so hatte ich sie derweil genannt, konnte man z.B. einfach spontan lossingen, überall. Sie kannte bestimmt tausende Lieder und alle Strophen, ein reicher Schatz an Lied- und Poesiegut. Sie fragte mich sogar, ob es in der Klinik nicht irgendwo einen Raum mit schöner Akustik gebe: und ich wusste natürlich wo - in den Aufgängen, und im Verbindungsgang, von einem Haus zum Anderen. Dort singe ich manchesmal einfach los, wenn es mich überkommt. Dann ist es mir egal, ob es sich gehört, ob ich das darf, oder man das so macht heutzutage; ich tue es einfach, weil es mir Lust macht, weil ich frei wie ein Vogel bin, und es mir gefällt, mich in der Akustik zu spüren.

Wir sangen im Verbindungsgang, dann auch in der herrlichen Akustik des Aufganges; an uns huschten Menschen vorbei - manche blieben gerührt stehen. Mit ihr feierten wir auch (zusammen mit einer rührigen Kollegin, die immer Gläschen und Tischdeckchen aus dem Ärmel zaubern kann), bei einem weiteren Aufenthalt, spontan ein Frühlingsfestchen, was ich "Frau Nachtigall und ihre erste Frühlingswurst" nannte. Sie war zwar kürzlich auf's Gesicht gefallen, und hatte ein Brillenhämatom mitsamt dicker Beule, und mittlerweile auch keine Haare mehr; dafür aber lachende Augen und eine magentafarbene Mütze mit großer Blume an der Seite, und Lust auf den gemeinsamen Moment mit Spontanminilikörchen, bestickter Tischdecke, Frühlingsliedern und ihrer ersten gegrillten Bratwurst in der Frühlingssonne. Alles spontan, aus dem Moment heraus geboren, imperfekt aber vollends vollkommen. Drei glückliche Menschen sitzen sich dann gegenüber, und schwärmen einander an, wie schön die gemeinsamen Momente sind, und auch waren. Dass man sie und sich sich nicht mehr vergessen kann.



Um die andere Haltung noch etwas besser zu beleuchten, ein weiteres Beispiel aus meiner Praxis.

"Darf man das?"

Ich erinnere mich an eine Ärztin, der ich mal vertonte Rilkegedichte von mir und meinem Musikerkollegen Leo Auri (Mondblume - Klangabenteuer in Wortskulpturen) vorspielte; die sich das dann auch brav anhörte, und mich dann fragte, ob man das denn überhaupt dürfe - Rilke, den GROSSEN Rilke, den Rainer Maria Rilke, denn einfach so lesen und vertonen dürfe, wie man wolle - mit einem "Darf man das?" als Frage? Ich muss gestehen, dass ich erst nicht recht verstand, was sie meinte: wie, ob man was dürfe? Was denn? Gedichte laut lesen? Und wer ist dieser "man"? 
Nunja, allein, weil ich es tue, darf ich es, ich mach' es auch einfach. Weil ich Lust darauf habe, es mir Freude macht. Meine Stimme mir gefällt, wie ich Rilkes Worte forme, wie daraus eine intensive Atmosphäre entsteht. Und ich lese nicht nur Rilke laut.

Dabei fällt mir auf, wie unterschiedlich ich mit meiner Lebensphilosophie wohl ticken muss. Ich habe mir solch' eine Frage gar nicht gestellt - was ich darf und was ich nicht darf. Nicht hier.    

Mich lähmt die Geistesgröße der ganz Großen nicht,
und auch mit Hierarchien habe ich weniger Probleme

Nur weil Hans Holbein so gut Portraits malen konnte, kann ich trotzdem Sekundenportraits von mir und meinem Gegenüber machen, und herzlich darüber lachen. Ist einfach zu komisch. Und obwohl ich zu wenig übe, singe ich Arien aus der Zauberflöte; ich tue es einfach. Ich stelle mir dann vor, ich wäre z.B. Papageno, Pamina oder Papagena. Und dann bin ich es auch - für einen lebendigen Moment lang. Ich verkörpere es quasi.  




Von tanzenden Engelinnen

Einer meiner anregensten Vorbilder dazu war eine Patientin, die ein renommiertes Magazin in der DDR redaktionierte. Sie war einst eine schöne, wilde, sehr differenzierte Frau gewesen; als ich ihr in der Klinik begegnete, spürte und erlebte ich das alles. Sie galt unter dem Stationspersonal als sog. "schwierige Patientin", weil nicht so angepasst wie so manche andere. Alles noch da an Einmaligkeit und auch Kreativität, nur in einer anderen Form; und ihr Augenlicht war von Bestrahlung und Chemo nahezu völlig verschwunden; nur noch Schemen sah sie - sie erkannte mich dennoch, konnte mir anhand meines Gestus viel über meinen Stil oder Style sagen, und zeichnete frei Engelinnen in fließenden Gewändern, die tanzten; und man durfte sich eines aussuchen und beschreiben, was einem dazu einfalle. Bei meinem Ausgesuchten sah ich zwei Frauen, wie Mutter und Tochter, eine Geschichte, die mich an meine eigene erinnerte, und dann wiederum sie an ihre. Sofort gab es Nähe und Berührung. Nie werde ich diese große wilde und freie Frau vergessen, die nahezu blind aber erspürend tanzende Engelinnen malte. 



Mit dem Pferd durch die Wüste - den Augenblick aufsaugen

Und eine andere Patientin erwartete die Kunsttherapeutin, mit dem wohlklingenden Namen, schon fast sehnsüchtig, kannte mich aber noch gar nicht. Sie freute sich quasi schon im Vorfeld auf unsere gemeinsame Zeit, so die Schwestern bei der Übergabe. Sie sammelte Natur auf dem Klinikgelände, und wir bauten alles mitsamt Rotwein- und RoteBeete-Farbe in unsere Leinwände ein; dazu hörten wir Sphärenmusik von Hayden Chisholm, der diese Klänge für Arbeiten der Rebecca Horn geschaffen hatte. Ich machte zwar die ersten Handgriffe, doch gemeinsam erkundeten wir das kreative Feld. Ok, auch sie war eine ganz besondere Frau. Mit Mitte dreißig ritt sie für Monate mit einem Pferd durch die Wüste, als Mann verkleidet. Daraus entstand u.a. ein Büchlein - keine Geschichte mit Anfang und Ende, nein, eine Art Zustandsbeschreibung, ein Auffangen des Momentes, von Augenblick zu Augenblick. Ich liebe dieses Buch, weil es mir von seiner Idee des Prozesshaften und Unabgeschlossenen so sehr entspricht; und ich bin heute noch so unendlich dankbar, dieser wundervollen Frau begegnet zu sein. Auch sie werde ich nicht mehr vergessen. 

Ich bin keine Maria Callas und kein Picasso; auch kein Mozart oder Rilke - ich bin einfach nur ich, nicht mehr und nicht weniger. Mein Anspruch richtet sich nicht nach den Großen; an ihnen messe ich mich nicht; mein Maßstab bin ich selbst, und was mich berührt, meine Seele berührt, das will ich versuchen. Ich lasse mich gerne begeistern, inspirieren und mitreißen. Aber ich will es selber versuchen. Will wissen, wie es für mich ist, wie es sich anfühlt, wer ich darin bin. Ich bin Papagena, Miss Marple und Mary Poppins, Elisabeth Bennet und auch Mr. Darcy, auch ein Han Solo und eine Catwoman, und sicher noch viele andere mehr.
Was hier der Unterschied ist, muss wohl jeder für sich selbst rausfinden. Mich erweitern diese Figuren, sie engen mich nicht ein. Ich reife mit ihnen.




Und ich bin immer wieder froh, dass es Menschen gibt, mit denen ich dieses Spontane und Imperfekte, aber zutiefst Vollkommene, dieses Lebensspiel, teilen kann. Es macht mir und dem Anderen Lust; das ist der Maßstab. Meine Seele lacht! Es ist auch Versuch und Irrtum; es will einfach versucht sein. Nicht irgendwelche Größen, die ich einfach nicht und niemals sein werde. Ich bin ich, einzigartig und daher auch einfach besonders in diesem schönen Leben, wie wir Menschen alle. Ich versuche nicht jemandem nachzueifern (daran bin ich immer gescheitert), lediglich mich selbst zu begeistern, und immer wieder neu herauszufordern. Ab durch die Angst und hin zur Freude. Das Spielerische mit all seinen Möglichkeiten hilft dabei enorm, auch das Talent, Fehler machen zu dürfen. Ich darf, ich muss, es ist sogar wichtig für meine Reifung an und in diesem Leben.  

Wieviele Menschen würden so gerne dies oder das versuchen, aber trauen es sich nicht zu, weil Tante G. oder die Lieblingscousine das schon so fein können, oder weil es sich nicht gehört; daher probieren sie es nicht. Ihr inneres Bild davon, von Perfektion, lähmt sie, und hält sie vom spielerischen Experiment, das Versuch und Irrtum einschließt, ab. Es schützt sie vor Neuem und Ungewohntem, gar Fremden.
Und sie suchen auch nicht ihr Eigenes, was nur durch das Spielerische Sich-Ausprobieren entstehen kann. Sie probieren sich nicht aus; sie versuchen sich nicht in Rollen, Archetypen, in der Vielfalt, was und wie man alles sein kann; sie bleiben an ihren inneren, ziemlich fertigen, Vorstellungsbildern, wie man zu sein habe, was man können sollte etc., hängen.

Aber es ist auch gut so, und ich lasse sie immer mehr so. Schaue mir lediglich das Phänomen an. Mir hilft da der Satz "Es ist wie es ist (sagt die Liebe)." Und versuche weniger zu werten, bzw. meine Be-Wertung wahrzunehmen. 




Ja, ich weiß, manchen ist es nicht gegeben, sagen manche. Ich bin halt so und so mit der und der Geschichte, kreativ begabt etcpp. Aber auch ich habe mal ziemlich schüchtern und verängstigt angefangen, bis ich mich auf eine Bühne traute. Zuerst war es eine Schulbühne, und ich eine schüchterne Schülerin, die sich in Rollen probierte. Doch das machte mir Spaß. Ich war einfach gut als Ida Totemar (Vitrac) oder als Sekretärin der Pest (Camus).

Heute ist es meine Lebens-Bühne, meine Performance, mein Leben, mein Spiel, die offenere Form. Und ich bin mir die, die mich begeistern und herausfordern darf. Ich habe mir die Erlaubnis gegeben, alles zu sein und auch auszuleben, was sich - immer im Rahmen der Mitmenschlichkeit - entwickeln will. Langsam und in meinem Rhythmus! Und manchmal finde ich Menschen, die sich von mir mitreißen lassen wollen, oder ich auch von ihnen mitgerissen werde. Himmel, ist das schön!

Zwei Lebensphilosophien in reinerer Form, eine, die auf Sicherheit, Stabilität und Schutz gebaut ist, die andere auf Fluss und Spiel, die einander bereichern könn(t)en und vielleicht gar einander bedingen. Wie Wurzel und Flügel. Sie schließen sich nicht aus, sie haben verschiedene Qualitäten. Ich lerne das gerade - beide zu sehen und erstmal so stehen zu lassen. Mich an ihnen selbst zu erfreuen, einfach, weil es sie gibt. Weil es die Vielfalt des Lebens und seiner Entwürfe gibt.  

Frei und in Liebe zu mir selbst und zum Anderen! 

"Liebe und tu' was Du willst!"
 - Augustinus 

Herzlich
Ihre/ Eure
Gunilla Göttlicher
alias Frau Himmlischer 






Pics: Gunilla Göttlicher - Ausnahme: Zeichnung mit Zitat von John Cage (Keri Smith) 
Für Veröffentlichungen habe ich die mündliche Zustimmung der Beteiligten erhalten.  


Donnerstag, 16. März 2017


*** In eigener Sache! ***

Ein Artikel von der wunderbaren Samira Suweidan auf ihrem herrlichen Kunstblog
Wilde Gewächse - Traut Euch, frei zu blühn!
http://www.wildegewaechse.de/about/

Hier geht's zum Link - mit mehr Bildern von Collagen!

 http://www.wildegewaechse.de/2017/03/16/da-kannste-nicht-denken/


„Da kannste nicht denken.“


… sagt die deutsch-finnische Collage-Künstlerin Lumi Divinior über ihren Schaffensprozess. Sie erzählt über den fühlenden Blick, ihre Beziehung zum Surrealismus und was sie über Galerien denkt. 





*Artikeltext*

Gunilla Göttlicher alias Lumi Divinior sitzt fröhlich lachend an einem großen Tisch, mitten in dem in dem 72 Quadratmeter großen Innenraum der Kapelle am Urban – einem kleinen Gründerzeitbau im Berliner Gräfekiez. An den Wänden hängen dicht gedrängt die Arbeiten von Lumi Divinior und Susanne Erçetin. Die beiden Frauen präsentieren hier ihre gemeinsame Ausstellung „Sein. Und nicht sein.“ Für Gunilla Göttlicher ist es bereits das dritte Mal, dass sie ihre Collagen der Öffentlichkeit vorstellt. Für ihre Besucher persönlich da zu sein, macht ihr Freude. Ebenso, wie gesehen zu werden. Eine Aufmerksamkeit, die sie auch genießt, wenn sie zusammen mit Musiker Leo Auri als Mondblume auf der Bühne steht und Gedichte von Hans Arp interpretiert. Folgerichtig hat Gunilla auch einen Künstlernamen: Lumi Divinior. Kein reiner Fantasiename, denn „Lumi“ ist das finnische Wort für „Schnee“, „divinior“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „göttlicher“. Göttliche, also spirituelle Ziele und Ideale bestimmen auch ihre Bilder.
Als ich die Kapelle am Urban betrete, finde ich die wunderbare Lumi Divinior im Gespräch mit einer Besucherin, die schon einmal neugierig eine Frage stellt, mit der ich in das Interview einsteige. Nämlich, warum die Künstlerin vor den Räumen nicht stärker für sich werben möchte? Sie winkt ab …

Warum machst du nicht mehr auf dich aufmerksam? Draußen hängt nicht einmal ein Plakat …
Ich glaube ja tatsächlich, dass jeder automatisch genau das Publikum bekommt, das für sie oder ihn richtig ist. Und hierher kommen immer nur diejenigen, die wirklich neugierig sind. Die es interessiert. Etwa die Frau, die sich gerade mit mir so angeregt unterhalten hat. So etwas liebe ich. Ich finde toll, wie man sich ans Herz wächst – innerhalb von ein paar Minuten. Es gibt einfach Begegnungen, die sind unglaublich schön und reich. Sie entstehen aus dem Moment heraus. Und das hat eben auch mit der Atmosphäre des Raums und der Kunst hier zu tun. Und mit der ausgesprochenen Einladung, hier einen Dialog führen zu dürfen. Denn ich bin – falls überhaupt – ’ne Diva zum Anfassen. (lacht)


Wie wichtig ist für dich das Gespräch mit den Besuchern?
Der Dialog des Geistigen, das ist für mich ganz köstlich. Mit den Menschen in Null-Komma-Nichts über das pralle Leben sprechen zu können. Und auch über den Tod. Das ist verzaubernd, muss ich gestehen. Einfach toll. Klar, fänd‘ ich es auch schön, wenn ganz viele Leute kommen würden – aber bei so viel Aufmerksamkeit käme ich gar nicht hinterher. Das habe ich schon bei meiner ersten Ausstellung erlebt.
Was begeistert dich bei deinen Ausstellungen besonders?
Wenn die Leute meine Bilder nach Hause nehmen, das ist ganz, ganz toll. Als ich das letzte Mal eine Ausstellung hier in der Kapelle am Urban gemacht habe, kam eine Frau von der Straße herein, sah sich um und verliebte sich in eines meiner Bilder. Darauf waren zwei Geparden zu sehen. Es erinnerte sie an sich selbst und ihre Zwillingsschwester. Sie sagt zu mir, sie kann sich gar nicht mehr retten, sie braucht das. Da dachte ich: Mann, das ist ja toll! Die Collagen finden ihre Freunde oder ihre Liebhaber oder so etwas. Sie kaufte das Bild und wir sind noch bis heute in engem Kontakt. Das freut mich, und es ist mir auch wichtig, meine Arbeiten in guten Händen zu wissen. Ich möchte, dass sie jemand besitzt, der sie wertschätzt.

Welche Begegnungen sind dir noch im Gedächtnis?
Ich fand eine am letzten Sonntag besonders spannend – mit einer Fotokünstlerin, die selbst schon in größeren Häusern ausgestellt hatte. Als sie den Raum betrat, waren ihre ersten Worte: „Schöne Arbeiten, aber eure Hängung ist die totale Katastrophe. Das geht gar nicht.“ Sie meinte zu uns, dass wir jedem Bild ganz viel Zeit und Raum geben müssten. Ihr fehlten außerdem Werktafeln an den Wänden. Wir hatten ja stattdessen Handzettel drucken lassen. Diese Hinweise waren konstruktiv und freundlich gemeint, aber es hat mich trotzdem irritiert. Es hat mich einfach erstaunt, dass die Hängung das Erste war, das ihr hier auffiel. Dieser Dialogfokus liegt mir gar nicht. Ich konzentriere mich immer zu allererst auf das, was mir gefällt. Auf die Inhalte.
Sie wollte sicher helfen: Eine professionelle Präsentation führt ja auch zu mehr Aufmerksamkeit und letztendlich zu mehr Verkauf …
Sicher. Sie meinte, ein Bild pro Wand wäre ausreichend gewesen. Ich antwortete ihr: „Logisch, aber da bin ich noch nicht.“ Ich bin noch an dem Punkt, an dem ich mich freue, dass alle meine Arbeiten an der Wand sind und die Menschen sie sehen. Und dabei vertraue ich darauf, dass die Besucher sich selbst entscheiden, womit sie sich auseinandersetzen möchten und womit nicht. Klar, wünsche ich mir das auch: nur ein Bild zu zeigen auf einer Wand. Oder überhaupt nur ein Bild in einem 100 Quadratmeter großen Raum. Vielleicht brauch ich auch irgendwann überhaupt kein Bild mehr. Ich sitz dann da alleine herum und alle zahlen scheiß viel Geld, nur um mich zu sehen. (lacht) Ja, das ist gut! (lacht gleich noch mehr und wird dann wieder ernst) Das ist natürlich ein hehres Ziel: Gunilla sitzt in einem Raum, alle Leute machen Fotos und müssen für jedes davon 20.000 Euro zahlen. Das ist ’ne schöne Sache. Aber im Moment ist mein Ziel, mich gemeinsam mit meiner Partnerin hier auf die Ausstellung einzulassen. So wie wir das hier machen, ist das natürlich das pralle Leben, das ist mir sehr bewusst. Aber das mag ich eben auch: dass Menschen sich hier hinein verirren und mir zu den Collagen sagen „Das liebe ich“ oder „Das mag ich nicht so“. Das ist toll. Mir geht es um das Gespräch – das ist ein komplett anderer Fokus als auf Leistung und Perfektion.


Was hast du denn für ein Verhältnis zu deinen eigenen Bildern?
Ich habe zu jedem Bild eine Beziehung und ich will, dass jedes Bild sein darf. Ich will die auch zeigen, weil die mich anrühren. Und wenn ich die Bilder hier an der Wand betrachte mit den Werken von Susanne Erçetin, dann erzählen die mir was, was die mir so nie erzählen würden. Das ist schön. Das ist wirklich schön. Ich merke dann auch, dass sich in den Bildern Themen spiegeln, die mich unbewusst beschäftigen. Und ich denke: Das ist ja toll! Das Bild ist mir fast einen Schritt voraus. Das macht mich so glücklich, das zu sehen.
Deine Bilder machen dir also etwas über dich selbst bewusst?  
Aber hallo! Ich bin wie eine Art Medium für diese Wesen, die da entstehen. Denn immer gibt es einen neuen Blickwinkel, immer eine neue Idee, immer kommst du einen Schritt weiter. Du reifst, und das Bild reift mit dir.

Wie ist deine Arbeitsweise?
Ich liebe es tatsächlich, überhaupt nicht zu wissen, was ich tue. Keinen Plan zu haben. Und dann springt mich irgendetwas an zu bestimmten Zeiten und dann entstehen irre Sachen. Und ich denke „Ach! Guck an!“ Es gibt Menschen, die gehen ganz anders an das Schöpferische heran. Die haben Pläne und Zeichnungen und Werke, die im Vorfeld entstanden sind für bestimmt Konstruktionen. Bei mir geht es weniger um Konstruktion. Das ist nicht so gedacht. Das Werk kommt aus mir heraus und ist geboren und dann ist es da. Das ist weniger Gedankenwerk als Innenwelt. Das ist nicht Kognition oder Gedanke, es ist Intuition. Die Bilder des Unbewussten, das Traumhafte. Und daraus ergibt sich etwas Eigenes. Und das entsteht, das kannst du nicht denken. Ja, wie soll ich das nennen? Mit dem Begriff „Kunst“ habe ich so meine Konflikte. Es ist eher das Schaffen, das Schöpferische. Das hier ist mein Schöpfertum. ich finde es toll, wie Dinge entstehen.


Du fotografierst ja auch. Nähst sogar mit Garn Bilder auf Stoff. Welche Techniken bevorzugst du?
Das Medium der Collage ist mir so nah. Mit der Schere und Klebstoff zu arbeiten, das ist so sezierendend. Einfach aus bestehenden Bildern etwas herauszunehmen, das mir entspricht. Ich male ja nicht gern. Das fixt mich nicht so an. Für mich ist es nicht das Wässrige. Das Sezierende fixt mich an. Es ist ein automatisches Collagieren – vergleichbar mit der Écriture Automatique im Surrealismus. Aber ich arbeite auch leidenschaftlich gern mit Stimme und Poesie auf der Bühne – zum Beispiel mit meinem Klangpoesieprojekt Mondblume, ähnlich dem Cabaret Voltaire im Dada Zürich.
„Das Sezierende fixt mich an.“
Collagierst du, um die Welt für dich erfassbar zu machen?
Ja. Es gibt schon vorhandene Bildwerke. Die gibt es schon in der Welt. Sie sind da, ich sehe sie und ich kenne sie – und dann verändere ich sie so, dass sie zu etwas Neuem werden. Zu etwas, das mir entspricht. Das passiert von selbst. Denn wenn ich immer nachdenken würde, wüsste ich irgendwann nicht mehr weiter. Sobald ich nicht mehr nachdenke, sondern nur noch tue, kommt so ein Gedanke: Jetzt brauchst du Energie, jetzt Neonrot, jetzt Gold. Mit dem Denken komme ich überhaupt nicht weiter. Nur mit dem Tun. Weißt du, und auf einmal fällt mir auf, ich liebe Neonrot mit Neonpink und Altrosa, Das macht mich high. Wenn ich das zusammenführe – und auch noch übereinander. Schon allein zu spüren, was es mit mir macht! Da kannste nicht denken.
„Mit dem Denken komme ich überhaupt nicht weiter. Nur mit dem Tun.“
Geht es dir also ums Experimentieren?
Nein, nicht nur. Es gibt viele Werke, bei denen ich Neues ausprobiert habe, die ich aber nicht zeigen würde. Mir geht es darum, etwas herauszufinden, das ich vorher noch nicht wusste. Mir geht es weniger um künstlerische Selbstdarstellung meiner ach-so-wichtigen kognitiven Ideen, sondern um das Ausdrücken dessen, was tief in mir ist – das Unbewusste, etwas, das meinen Urgrund darstellt und mir selbst immer einen Schritt (wenn nicht gar mehr) voraus ist. Etwas, das viel, viel größer ist als ich und mit allem kollektiv verbunden.
Damit stehst du in der Tradition des Surrealismus, vielleicht auch des Dada …
Ja, durchaus. Ich fühle mich sehr zur Poesie von Hans Arp hingezogen. Vor allem zu seinen Werken, die die Träume und das Phantastische beschreiben. Den aufrührerischen Aspekt des Dada teile ich eher weniger. Es kann nur der meine Kunst sehen und für schön befinden, der zum fühlenden Blicken in der Lage ist. Für mich spielt Joseph Beuys eine entscheidende Rolle – er ist so mutig gewesen und direkt, so von Angesicht zu Angesicht. Seine Kunst ist für mich fühlbar und stimmig, was er ausdrücken wollte über Energien und Kräfte in der Welt, entspricht auch meinen Ideen. Ein weiterer Wunderbarer ist für mich Dieter Roth. Sein Umtriebigsein, sein überfließendes Prinzip, dieses Üppige und auch sein Absturz sind für mich klar und folgerichtig. Sein Humor ist bezwingend, er war ein Gesamtkunstwerkkünstler.


Was hältst du vom renommierten Kunstbetrieb?
Hm, ehrlich: Was meine bisherigen Erfahrungen betrifft, nicht allzu viel. Ich will unbedingt mein Sein und Tun in diesem Moment gewürdigt wissen, keine schlauen Kommentare, was ich noch entwickeln könnte und wohin die Reise formal-technisch hingehen könnte. Ich will mich da nicht einschränken lassen. Es ist meine Entwicklung, die mache ich – mit eigenen Vorbildern und eigenen Anregungen. Ich möchte mich einfach nicht bevormunden lassen, und das ist eben schnell passiert, wenn man in einer Galerie ausstellt. Ich schließe es natürlich nicht aus, aber der Galerist müsste leidenschaftlich in der Lage sein, mein Werk zu lieben, zu erfassen und mit mir zusammenzuarbeiten. Das gibt es sicher. Ich habe auch noch nicht gesucht. Ich möchte und kann mir aber auch keinen Druck wegen neuer Arbeiten machen, es kommt als Ich-muss-jetzt-was-erschaffen raus, ein Überdruck, ein Wissen-wollen. Manchmal geht einfach nichts, Leere. Lediglich Verdauung des Vielen in der Welt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Und zum Schluss zeige ich Euch noch ein Bild von Lumi Divinior:





Dank von ganzem Herzen an Samira und Wilde Gewächse! 
Bild: Samira Suweidan


Sonntag, 4. Dezember 2016

Von Inseln des Glücks und verrückten Eiern | Kunsttherapie mit Modelliermasse


Von Inseln des Glücks und verrückten Eiern | Kunsttherapie mit Modelliermasse

Meditatives Werken als Revitalisierungsprozess
mit Patienten im Rahmen von Palliative Care
 
In der letzten Zeit hatte ich zweimal das Vergnügen, mit zwei ganz unterschiedlichen Menschen in einer Fachklinik etwas Formen zu dürfen.
Das knetbare Medium Modelliermasse (Efaplast, Plastiform etc.) ist dafür sehr geeignet - es geht schnell und ist leicht zu handhaben, es trocknet an der Luft (ohne Ofen, wie bei Ton/ Keramik), und man kann es leicht mit Lack, Farben (z.B. Acryl) etc. weiterverarbeiten. 


* Er nannte es "Das verrückte Ei" und lächelte *

Dieser Mensch begegnete mir als fokusiert auf Verstand und Denken, einstigen hochausgebildeten geistigen Fähigkeiten (als Chirurg und Wissenschaftler mit vielfältigen Interessensgebieten), und gerade deswegen irritiert und auch resigniert darüber, dass er zunehmend unter kognitiven Einschränkungen wie Wortfindungs- und Konzentrationsstörungen und auch Hör-Abrissen zu leiden habe. Musik/ Klang wollte er deswegen keine hören - er fürchtete, nur immer ein Stück zu hören, nicht das Stück im Ganzen.

Eigentlich hätte ich mit ihm auch gerne einfach Biographierabeit gemacht - mich auf Reisen mitnehmen lassen, wohin es ihn zieht (technoid-humanoide Welten - Mensch-Maschine-Kosmos, Weltall etc.pp.) , denn meiner Erfahrung nach, läßt das alte gelebte Begeisterung aufflackern, und die Worte und Gedanken, auch und gerade komplexe Erinnerungen, in all ihrer guten Emotionalität, vitalisieren mein Gegenüber. Und auch mich. Ich bin da ehrlich.

Bei diesem Menschen hatte ich dennoch den Mut, mal etwas ganz Anderes auszuprobieren - als jemanden, der mich durch seinen speziellen Humor und seine menschliche Großzügigkeit einlud, mich mit ihm auf eine ganz eigensinnige Reise einzulassen.

Er willigte ein. Das Argument: Kneten, mit linker und rechter Hand aktiviere' beide Gehirnhälften (und sicher vieles mehr), und wir lassen völlig offen, ob was dabei herauskommt. Es darf auch einfach nichts außer Kneten herauskommen. Oder was ganz Abstraktes - bei ihm traute ich mich, dies ihm vorzuschlagen.

Ich stellte ihm die Methode und das Setting vor. Und von seiner Seite aus kamen so viele tolle Fragen, und ich konnte so gut wie keine wirklich toll beantworten. Z.B., wie ein getrocknetes Werk am Boden zerspringt...was besonders ihn und seine individuelle Art beschreibt, fragend und staunend in der Welt zu sein. Mir fiel allerdings mein mitgebrachtes Werk an einem Punkt vom Podest herunter, und es sprang nur ein Teilchen davon ab. Somit konnte ich seine Frage, zu einem späteren Zeitpunkt, mit ihm zusammen beantworten.

Ich stellte also mein kleines fertiges Modelliermasse-Werk (Lack-verfeinert) auf ein hölzernes Podest.
Und er sah auf einmal so viele Dinge darin - je nach Perspektive - ein archaisches Stiergehörn oder auch - und hier kam der Chirurg durch - eine besondere Funktion im menschlichen Knie.
Immer mehr kam da. Wir hätten damit auch weiterspielen können, und es hätte gereicht.
Irgendwie war er schon davon begeistert, und er fragte mich, was ich studiert hätte, um ihn dahin führen zu können. Ich beschrieb meine Begeisterung für die Kunstgeschichte - den Umgang mit neuer und auch alter Kunst, die Perspektiven, die man einnehmen kann, die Kunstvermittlung.

Zeit faszinierte ihn.
Zeit erinnerte ihn an Werke in seinem Keller -
von seinen Großeltern von Annodazumal, aus einer vergangenen Epoche und Kultur, wo Handwerk und auch der Wert der Dinge noch einen großen Stellenwert hatten.
Leider interessiere sich dafür heute kaum einer mehr.
Bei den Alten Meistern würde Zeit erfahrbar werden - sie sind heute noch da, und kommen aus einer vergangenen Zeit - mit ihnen kann man Zeit fühlen, das Heute und das Damals und die Zeit dazwischen.

Er knetete los. Fühlte die Masse. Mal links, mal rechts. Und wir redeten über Zeit in einem nahezu zeitlosen Moment, einem Flow. 
Irgendwann war ich so mutig zu sagen - "schauen Sie mal, was jetzt schon da ist!".
Er schaute. Und assoziierte und sah ein Rad. Eierig rund, ein wenig wie ein altes Holzrad - eines der ersten Räder. Die Idee kam, ein Loch durchzustechen, eine Felge durchzustecken - mehr Räder - ein Fahrzeug entstand in Gedanken.


 Radmodelle der Jungsteinzeit

Er hatte das Rad neu erfunden.
Ein schöner Moment, einfach und klar.
Er glättete es noch ein wenig mit Wasser.
Wir setzten es auf das hölzerne Podest.
Er nannte sein Werk "Das verrückte Ei", und musste lächeln. 

Er beschrieb seine Lust, noch so ein einfaches Werk als Pendant zu gestalten.
Zwei, die sich gegenüberstehen können.
Ich ließ ihm ein Stück Modeliermasse im Zimmer, und die wichtigsten Hilfsmittel.

Er beschrieb seine Freude. Mit solch' einem Moment hatte er nicht mehr gerechnet.
So pur wie Kinderlachen.

Als ich am MO anklopfe, erzählt er mir, dass seine Frau das Material für sich entdeckt hätte. Sie formte das Pendant - er ließ mich raten, was ich sehen würde: ich riet richtig - irgendwie ein Schuh, ein Damenschuh, aber vorne offen. Ein Schuh, der einfach sitzt und man sich frei fühlen kann, ohne Riehmen, Zungen, Schnüre.

Ich stelle den kleinen Freischuh auf ein kleineres Podest.
Wie ein Hochzeitsportrait mit jeweils einem Selbstportrait, wie auf Ölbildern Alter Meister - Das verrückte Ei und der Freie Damenschuh, der, wäre er größer, wie eine Rollbahn oder wie ein bettendes Gefäß für das Ei wirkt.






* Die Insel des Glücks - Ich rieche und schmecke das Meer *

Diesen Menschen hatte man mir schon als sehr beredt und vielseitig interessiert beschrieben. Doch was mich da erwartete, war noch viel feiner. Sie gab sich dem Formen durch Ton zu Keramik schon seit Jahren hin, und hatte bereits zahlreiche inspirierende Werke vorzuweisen. Einige hatte sie fotografiert, und konnte mir Handy-Bilder zeigen. Zudem war sie passionierte Lehrerin (Sport, Geographie), und konnte so wunderbar mitreißend von aller Herren Länder erzählen.

An diesem besonderen Tag sollte ich Zeit haben und die brauchten wir auch.
Die Physiotherapeutin und ich hatten uns bereits abgesprochen, wer wann bei ihr sein sollte, und auch, dass wir zusammen bei der Patientin sein konnten. Was uns allen, Patienten und Angehörigen, und auch uns als Team mehr als gut tut, sich als eine Gemeinschaft fühlen zu können. 

Sie wollte formen, hatte schon eine Idee.
Ich brachte als Anregung Bilder von Miniaturhauslandschaften einer englischen Künstlerin mit. 
Klang und sanfte Musik mit Wellenrauschen ihrer geliebten Ostsee schwangen uns ein. 
Kleine Häuser sollten es sein.
Sie formte, zeichnete ein, setzte an (was nicht immer hielt).
So entstanden drei unterschiedliche Häuser.


Wir unterhielten uns über die Ostsee, das Meer, Skandinavien.
Über die Welten und Länder, die sie gesehen hatte, brachte sie für sich und ihre Schüler Steine, Sand und manchmal Muscheln mit. Sie hatte schon so manchen Schüler begeistern können, in das Land zu gehen und dort tatsächlich zu leben, von dem sie im Unterricht geschwärmt hatte.

Irgendwie erinnerte mich das an die Dinge, die ich über die Jahre für die Kunsttherapie gesammelt hatte, ging los und brachte ihr Steine, Hölzer und Naturmaterialien wie Moos, Zweige und Nußschalen. Ich ließ sie weichen Ostseesand fühlen.


Ihr gefiel der Kontrast zwischen einem würfelförmigen Schwemmholzobjekt und den weißen Häusern.
Es entstand eine Insel-Landschaft aus den drei Häusern, einem Bäumchen, einem Stein, Moos und Zweigen.
Sie nannte es "Die Insel des Glücks".
Sie mochte auch die Idee, für das Gästebuch des Palliativbereiches einen Eintrag zu schreiben, in den ich die Bilder einpflegen durfte, die ich von unserem Setting gemacht hatte.

Zuletzt suchten wir gemeinsam einen fotogenen Ort, an dem die Insel gut bildnerisch zur Geltung kommen könne. Wir fanden ihn.
Die Sonne schien hell herein, und beleuchtete magisch den kleinen, zauberhaften Ort.

Da alles sehr fragil erschien, klebte ich im Nachhinein die kleinen Dinge an das Schwemmholz an, vorsichtig und mit Heißkleber.

Nun steht die "Insel des Glücks" froh in einem Aufenthaltsraum der Klinik, und läßt so manchen Betrachter staunen - irgendwie möchte man da leben, mit lieben Menschen - dort ist alles gut. 









Dank an die Menschen, die mich haben teilhaben lassen, an Ihrem Leben, ebenso an das Team der Fachklinik. Alleine und ohne gute Vorarbeit, könnte ich solch' leichte und beschwingte Momente nicht gestalten. Dank an das Web und das Fachgeschäft, in dem ich die Modelliermasse beziehe.

Es ist ein Fehler bei diesem Gadget aufgetreten.

+++ Von Fischen +++ by Gunilla Göttlicher

Fische schwimmen im Wasser hin und her wenn ein Angelhaken kommt denken sie ersteinmal über dessen tieferen Sinn nach Erinnerung an Finnland, 2009