Freitag, 27. November 2015

„Sehen Sie schon einen Fisch?“ | Arbeit mit Stimmungs-Bildkarten mit palliativen u.a. Patienten




 Sehen Sie schon einen Fisch?“ | Arbeit mit Stimmungs-Bildkarten mit palliativen u.a. Patienten 

 Arbeit mit den Karten „Heute bin ich“ von Mies Van Hout

mit Patientinnen im Rahmen von Palliative Care in zwei Kliniken

und in einem Beatmungszentrum 



Manchmal habe ich das Glück mit Patientinnen sein und arbeiten zu können, die genügend Ressourcen wie körperliche Kraft, einen aktiven Geist, Neugierde und Staunen mitbringen, mit denen man einen künstlerischen Prozess mit einem eigenen Produkt anregen kann.



Und ich wollte sie ausprobieren, ob sie hilfreiche Freunde bei diesem Prozess sein könnten: Die lustig-bunten Fische von Mies Van Hout. Mir erschienen sie als ideal, eine Vielfalt an Anregungen für die Lust am Durchgucken und auch die Gestaltung zu geben. 



Ich habe allen drei Patientinnen das Kartenset, Tonzeichenpapier, Ölkreiden und auch einmal zusätzlich Pastellkreiden (mit Fixation) mitgebracht. Teilweise ebenso einen CD-Player mit Entspannungsklängen zum Thema Meer (Meeresrauschen mit und auch ohne Musik). 






Fallbeispiel 1 – Langzeitpatientin (53) in einem Beatmungszentrum
„Der Schleierfisch“ oder wie eine Patientin ihre Angst hintanstellt und die Freude nach vorn kommen lässt 





Ich besuchte die Patientin im Beatmungszentrum schon seit längerer Zeit – gemeinsam hatten wir schon so mache Minute gar Stunde der Freude erleben können – sie sagte stets (ich las von ihren Lippen ab und was ich nicht verstand, schrieb sie mir auf), dass es immer eine Erfahrung wert sei, sich einzulassen auf das, was da kommen könne, wenn man sich auf eine ästhetische Erfahrung einlasse. Wir hatten u.a. schon uns selbst mit den Blind-Portraits porträtiert und großen Spaß miteinander gehabt (siehe Wand-Galerie).

An diesem Montag sollte ihre Trachealkanüle abgenommen und von der Beatmungsmaschinerie befreit werden, damit sie alleine und mit ihren Lungen atmen könne. Das machte ihr Angst, da sie merkte, dass ihr zarter Körper es nicht wirklich leisten könne. Ich stellte die Probe aufs Exempel, und versuchte ihre Aufmerksamkeit zu verlagern. Ich zeigte ihr die Fische-Karten und ermunterte sie, spielerisch die gezeigten Stimmungen zu erraten; sie war so gut, dass sie alle erriet, oder zumindest nahezu richtig lag.

Dann fragte ich sie, ob ich einmal die Ölkreiden auf dem Tonzeichenpapier ausprobieren dürfe. Sie bejahte und dann fragte ich nach ein paar Strichen, ob sie denn schon einen Fisch sehen könne. Und, was soll ich sagen, sie sah einen: zusammen malten wir zwei Augen, einen üppig bunten Schwanz und abschließend gestaltete ich noch Wasserpflanzen nach ihrem Gusto.

Ein Freund von ihr trat ein, und wir fragten ihn, wie er das Bild nennen würde. Er nannte es „Der Schleierfisch“ und das gefiel der Patientin gut. Als Letztes schrieb sie den Titel auf die Rückseite mitsamt ihren Anfangsbuchstaben und dem Datum. Dann hängte ich die Ausstellung der Blind-Portraits mitsamt dem Schleierfisch an die Wand.



Die Patientin sagte, dass ihr der Fisch sehr gefallen würde – er hatte es nicht nur geschafft sie abzulenken, sondern darüber hinaus die Angststimmung hinten anzustellen, während positive Gefühle an die Oberfläche bzw. nach vorne kommen konnten.



Das gab ihr wieder eine Idee vom lebendigen Ganz-Sein zurück – neugierig und vergnügt, neben ängstlich und verwirrt. Und die Bilder-Ausstellung an der Wand ihrem Bett gegenüber erinnerte sie nun an gute Momente mit positiven Stimmungen, wenn sie alleine war und ihre Angst spüren musste. 

*Der Schleierfisch*

Wand im Patientinnenzimmer - Schleierfisch und Blindportraits






Fallbeispiel 2 – Patientin (45) in einem Akut-Krankenhaus
„wohlig“ oder wie eine Patientin ihren Idealzustand kreiert 





Ich habe im Akut-Krankenhaus eine Kollegin, Psychoonkologin, die mir manchmal gezielt Patienten ans Herz legt, die nicht im Palliativbereich liegen, und für die die KT eine Bereicherung sein könnte, wie auch in diesem Fall. Ich erfuhr, dass die Patientin mit eigenem Gestalten schon Erfahrungen sammeln konnte. Ihre derzeitige Situation war ungewiss, sie wartete auf ein klärendes Gespräch mit dem Oberarzt. Daher war sie angespannt. Dennoch ließ sie sich gerne auf unser kleines Experiment ein – zwischendurch kam der Assistenzarzt der Station und erklärte, dass das Gespräch erst am nächsten Tag stattfinden könne.



Auch ihr gab ich die Karten in die Hand, und sie ließ sie alle auf sich wirken. Ihre gefielen die positiven Fische-Stimmungen am Besten – mit den negativen wollte sich sich in diesem Moment nicht belasten. Sie wollte nach vorn blicken – für sich und ihre Angehörigen.

Es entstand schnell ein vom Betrachter ausgehend nach links schwimmender Fisch – dann links eine Sonne – Sonnenstrahlen, die den Fisch treffen. Wir betrachteten das Bild immer wieder und ich fragte, was noch da hin gehöre. Es kamen noch zwei kleinere Fische dazu – dann ein größerer direkt unter ihr. Auf mein Nachfragen hin, identifizierte sie die Fische mit sich und ihrer Familie. Sie benannte es mit dem Begriff „wohlig“, ein Eingebettetsein in ihre Familienharmonie, alle beisammen, vom Sonnenlicht angestrahlt, alle in eine Richtung blickend.



Ich hängte das Bild zu ihren anderen Bildern. Wir betrachteten das Bild – ein weiterer Dialog begann – und sie erzählte mir von einem Kind, dass sie vor wenigen Jahren verloren hätte - es kam noch auf die Welt, aber wegen einer Erkrankung des Gehirns lebte der kleine Sohn nur wenige Tage. Ich fragte sanft nach, ob er nicht auch zur Fisch-Familie gehöre und dargestellt werden sollte. Sie bejahte, freute sich darüber, dass er dazukommen konnte – das Bild wurde mehr ganz – alle gehören dazu – alle Lieben, die Lebendigen und auch die, die gehen mussten.



Ein bewegender Moment für uns beide!

So ehrlich, so liebevoll und einfach ein Moment, in dem das Eingebettetsein in ein größeres Ganzes herbeigesehnt, vielleicht gar auch ein wenig gespürt wurde. 









Fallbeispiel 3 – Patientin (52) in einem Palliativ-Bereich (Lungenfachklinik)
STOLZ BIN ICH“ oder wie eine Patientin zu ihrer kindlich-vergnügten Kreativität zurückfindet 






Wir lernten uns das erste Mal bei einem Gespräch mit der Palliativärztin auf Station an ihrem Bett sitzend kennen. Die Patientin erschien mir sehr aufgeschlossen für die Kunsttherapie und ihre Möglichkeiten, dennoch schilderte sie mir von einer Begebenheit in einer Reha, in der die Therapeutin in einer Kreativwerkstatt (ob Ergo- oder Kunst wusste sie nicht mehr) ihr Perlen gab, mit dem Hinweis, sie sollte mal erspüren, was sich zeigen wolle. Doch dieser Hinweis überforderte die Patientin und ließ sie allein mit ihrem inneren Bewerter und Zensor. Ich versicherte ihr, dass ich eine gute Begleiterin sei bei kreativen Prozessen und sie an die Hand nehmen würde.

Ich kam am nächsten Tag wieder – der Moment schien geeignet zu sein für unser kreatives Setting: Es war genügend Raum und auch Zeit vorhanden, ebenso eine wohlwollende Bettnachbarin.



Ich fragte sie, ob sie gerne etwas Meeresstimmung hören wolle. Auf ihr Ja! hin stellte ich den kleinen CD-Player mitsamt Meeresrauschen-Klang auf den Nachttisch – vorher hatte ich ihr die Heute bin ich-Karten in die Hand gegeben mit der Idee, sie einfach anzuschauen und vielleicht auch ein Bild zu finden (oder mehrere), die ihr am besten gefallen würden.



Sie wählte sich den Fisch mit dem Begriff „verwirrt“ aus. Auf mein Nachfragen hin, ob die Stimmung etwas mit ihrer eigenen Stimmung zu tun habe, sagte sie, nein – keine eigene Verwirrung derzeit (obwohl sie das kennen würde), der Fisch mit seinem lustig gewellten Mund gefiele ihr so gut.



Sodann regte ich den kreativen Prozess an. Zeigte ihr das schwarze Tonzeichenpapier und stellte die Möglichkeiten der Öl- und Pastellkreiden vor. Ich fragte sie, ob ich einfach mal den ersten „wilden“ Strich machen dürfe, und sie bejahte. Dann ermunterte ich sie, eine Lieblingsfarbe zu wählen, und einfach einen Punkt, gar Strich oder was auch immer zu setzen, dort wo sie wolle. Alles ist richtig und fein, ein falsch gibt es in diesem Prozess nicht. So waren wir schnell in einem fast lustigen Dialog mit uns und dem Fisch – immer wieder Fragen meinerseits, was der Fisch noch bräuchte, was noch fehlen würde, um immer vollkommener zu werden. Aus einer Clowns-Nase wurde ein Auge, eine Rübennase folgte, ein lachender Mund, eine Kette kam dazu, einen Hahnenkamm in Neongelb etc.



Dann sagte sie, es sei nun fertig. Sie sei so stolz über dieses Wesen, über sich. Ich regte noch zu einem Titel an – half ein wenig mit, baute Wort-Brücken – und der Titel sollte nun lauten STOLZ BIN ICH“ - mitsamt Datum und Namensnennung.



Und sie war stolz! Hätte sie es sich doch nicht träumen lassen, dass ein kreativ-künstlerischer Prozess so leicht sein könne. Sie kam sofort auf die Idee, sie könne mit ihrer 11-jährigen Nichte malen – sie hätte Lust dazu, einfach mal zu malen und nicht zu bewerten. Einfach tun, das ist wichtiger als alles andere.



Schön ist das und so einfach!

Wenn es doch immer so einfach sein könnte, wieviel glücklicher wäre da die Welt! 







Alles in Allem, kann ich diese Bildkarten sehr empfehlen – sie bieten zahlreiche Möglichkeiten schnell in einen rührenden und einfach schönen Dialog miteinander zu kommen, ebenso zu „spielen“, für den Moment spielerisch zu sein.

Darüber hinaus lädt die Technik mit schwarzem Tonzeichenpapier, Öl- und Pastellkreiden zu arbeiten, dazu ein, das eigene Gestimmtsein zu gestalten, ob im kreativen Dialog oder allein.

Für geeignete Erwachsene, die sich ihr inneres Kind bewahren konnten, eine wahre Fundgrube an Möglichkeiten!



Danke an Mies Van Hout und die Fische von „Heute bin ich“!

Dank an meine lieben Patientinnen, die sich mutig mit mir in das kreative Spiel des Lebens gewagt haben, danke auch, dass ich die Bilder, die entstanden sind, ablichten und auch der Öffentlichkeit zugänglich machen darf!




Herzlich

Ihre und Eure

Gunilla Göttlicher

Fisch-Fee und Clowns-Fisch 




Thanks web for pics - prozess-pics by me - Thanks for the great time with you! 
And this wonderful card-set! THANKS!!!


Heute bin ich
Mies Van Hout
Karten-Set mit Briefumschlägen
arcari Verlag



Sonntag, 15. November 2015

Kunsttherapie und Palliative Care auf flickr | Impressionen meiner Arbeit mit Patienten


Kunsttherapie und Palliative Care auf flickr | Impressionen meiner Arbeit mit Patienten 



Ich liebe meine Arbeit. Schon seit mittlerweile 2010, auf mehreren Palliativstationen und in Kliniken mit Palliativen Bereichen, darf ich in diesem wunderbar reichen Feld tätig sein. Ich bin daran gewachsen, und jeder einzelne Patient, den ich mit betreuen durfte und darf, bleibt mir in meinem Herzen.

Auf der Plattform flickr sind nun meine schönsten Bilder von Patientensettings zu sehen. Ich habe die Erlaubnis von jedem Einzelnen bekommen, sie aufzunehmen und auch zu zeigen.

https://www.flickr.com/photos/125515881@N03/albums/72157658852811624





Viel Freude beim Eintauchen in diese magische Welt!

HerzLicht Ihre Gunilla Göttlicher
praxis für ästhetische erfahrung







Thanks web for Ki-pic - other pics all by me and the lovely persons, they made.

Freitag, 9. Oktober 2015

Performative Kunsttherapie mit einer jungen Patientin der Inneren Medizin | von Freiheit und Gebundensein



Wie ein Vogel im Käfig“
oder: wie man es für den Moment schafft, sich frei wie ein Vogel zu fühlen
Performative Kunsttherapie mit einer jungen Patientin der Inneren Medizin 



 
Im Frühling 2015 begegnete ich zum ersten Mal einer erstaunlichen und inspirierenden jungen Frau Mitte zwanzig – voller Ideen und Pläne, Schauspielerin zu werden. In ihrer Heimat ist sie bereits eine gefragte Darstellerin.
Mit ihr durfte ich eine meiner rührendsten Zeiten als Kunsttherapeutin, und einfach als Mensch erleben...ich habe mit ihr zusammen begriffen, dass man sterile, emotional eher negativ besetzte Orte - eine Krankenhausstation der Akut-Medizin, gar eine Intensiv-Wachstation (Stillstand – Traurigkeit - Tragik), in lebendige und auch herrlich komische Orte verwandeln, und Situationen miteinander kreieren kann, wo Momente der Schönheit entstehen! Sie können einem im erlebten Moment und dann in der Erinnerung ein Lichtlein im Dunkel des Lebens sein. 

Das Bild oben entstammt dem Film Sleepy Hollow, und zeigt ein Spiel der Optik - einen fliegenden roten Vogel auf der einen, einen Käfig auf den anderen Seite - bei schnellem Drehen der beiden Seiten verschwimmen die Grenzen - der Vogel scheint frei zu fliegen und gleichzeitig im Käfig zu sein. Ein Sinnbild für unser menschliches Leben - voller Freiheit und Gefangen,- Gebunden,- und auch Verbundensein. 

Ich bat sie um ein Feedback für unsere gemeinsame Zeit im Krankenhaus (KH).
Und hier ist es - sie bestätigte mir auch, dass ich die Bilder, die in unseren "Photo Walks" entstanden sind, hier veröffentlichen dürfe. DANKE, meine Liebe! 

+


Meine unvergessliche Zeit mit Gunilla Göttlicher
in einem Akut-Krankenhaus in Berlin
- von LE 

Man sagt immer, dass es im Krankenhaus schlimm, langweilig und traurig ist.
Das ist wohl wahr. Ich lag bald knapp 2 Monate in einem Berliner KH, und durchlitt sehr schwierige Zeiten.
Schlussendlich wurde ich Mitte Mai endlich operiert.

Nach der OP plagten mich v.a. Übelkeit und Erbrechen, wahrscheinlich von der Narkose. Ich lag etwa fast 2 Wochen auf der Chirurgischen Abteilung. Danach sollte ich eigentlich zurück verlegt werden auf die Innere Station, doch ich landete auf der Gynäkologie, eine völlig falsche Abteilung.

Mein Glück, stellte ich danach fest, als die Schwester mich fragte, ob ich vielleicht auch gerne jemand zum Reden hätte – da sagte ich nicht nein, weil ich das nach der schweren Zeit doch sehr gut gebrauchen konnte.

Dann traf ich das erste Mal auf Gunilla Göttlicher.
Mein erster Eindruck von Ihr war: „Wow, was ist das denn für eine verrückte, lustige und aufgestellte Frau, mit einem sehr speziellen Kleidungsstil!“ Ich weiß es noch ganz genau, was sie so trug – ein ganz lustiges Kleid, das kann man schlecht beschreiben, das muss man live gesehen haben. Nun gut, jedenfalls hatten wir 1 Stunde zusammen über Gott und die Welt gesprochen. Wir sprachen darüber, wie ich mich fühlte, dann kam sie und sagte: „Wohl wie ein Vogel im Käfig“, was genau zutraf, so fühlte ich mich. Danach sprachen wir noch darüber, was für uns Freiheit bedeutet.

Nach diesem tollen und lustigen Gespräch fühlte ich mich total entspannt, und einen Moment lang vergass ich sogar, dass ich im KH lag. Ich dachte nur noch, dass ich diese Frau unbedingt wiedersehen möchte. Sie sagte mir auch, dass sie die Woche noch im KH arbeite, und definitiv nochmals vorbeischauen würde.

Am nächsten Tag kam ich wieder auf die richtige Station. Ein paar Tage später kam Gunilla wieder, und wir hatten wieder ein tolles Gespräch, woran sich meine Bettnachbarin auch gerne beteiligt hatte. So hatten wir ein nettes Gespräch zu Dritt.

Nach der Woche musste Gunilla nicht mehr im KH arbeiten, da sie nur die Vertretung von jemand Anderem war. Sie kam jedoch trotzdem noch ein paar Mal zu Besuch. An einen Besuch erinnere ich mich noch sehr gut - 

Ich saß da, in der Cafeteria, mit einer guten Freundin, mit einer Bettnachbarin - da kam Gunilla dazu. Kurz darauf kam die Schwester meiner Bettnachbarin noch dazu, und erzählte eine schlimme Geschichte, man kann schon fast sagen, tragische Geschichte über ihre Mutter, welche im KH lag. Da kam Gunilla mit ihrem Smoothie, hat ihn zuvor geschüttelt, und wollte ihn öffnen, dann gab es ein Chaos auf dem Tisch, überall lag Smoothie – da musste ich doch schmunzeln, aber wollte zu diesem Zeitpunkt wegen der Geschichte doch nicht loslachen, obwohl mir genau danach war.

Gunilla bekam ein Angebot von Herrn Professor [Anm. GG - der Inneren Medizin, im Akut-KH im neubegründeten Palliativbereich] zu arbeiten – das empfand ich als eine super Idee.

Endlich trat für mich der langersehnte Tag auf. Ich durfte Mitte Juni 2015 das KH verlassen, zwar nur für eine Woche, aber ich war überglücklich, dass ich mal in meine Heimat, die Schweiz, zu meinen Liebsten fliegen durfte.

Leider kam alles anders als geplant, und ich konnte wegen meiner Gesundheit erst fast 2 Monate später wieder zurück nach Berlin. Unverhofft landete ich kurz nach meiner Ankunft wieder im Akut-KH, und hatte wieder eine sehr schlechte Zeit – ich pendelte zwischen der Intensiv/ Wachstation und der Normalstation hin und her. In dieser schlimmen Zeit war ich froh, dass Gunilla für mich da war, jeden Dienstag kam sie vorbei, und unternahm etwas Lustiges mit mir. Ich freute mich also immer auf den Dienstag. 

An einem Dienstag lag ich ziemlich kaputt auf der Wachstation, als Gunilla kam. Sie brachte mich zum Lachen. Sie brachte mir eine CD mit Alpenklängen [Anm. GG - Kühe, Kuhglocken, Wiesengeräusche] drauf mit, das beruhigte mich sehr. Als ich zum CT musste, begleitete sie mich, sie musste dann noch eines dieser wunderbaren Spuckbeutelchen für mich holen, und rief ganz leise vor meinem Zimmer „Hallo – Hallo – Hallo“ [Anm. GG - um die Schwester sanft zu rufen, aber auch um die Patientin zu belustigen] - es hörte sich sehr lustig an, sodass ich bei dieser Aktion auch wieder schmunzeln musste, obwohl ich von Schmerzen und Übelkeit geplagt war.

Nach den Dienstagen war Gunilla jedoch nicht aus der Welt – wir hatten reglmäßig auch in der Zeit, als ich in der Schweiz war, Kontakt via Whatsapp. 


Es gab Dienstage, da ging Gunilla mit mir und meinem Rollstuhl raus spazieren – erst kauften wir uns ein Getränk, was wir auf dem Weg tranken und erkundeten die Gegend außerhalb des KHs. Wir erlebten dabei viele lustige Dinge, und hielten die Momente fotografisch fest. Wir fuhren über die Autobahnbrücke, und versuchten Seifenblasen auf die Autobahn zu lassen - leider flogen sie meistens immer in die Gegenrichtung. Auf dem Weg lagen einige Zeichnungen mit Aufschriften wie „I love you“ und einem Herz auf dem Boden, - das mussten wir gleich auch fotografisch festhalten. 



An einem anderen Dienstag fuhren wir wieder raus, und erkundeten die andere Richtung. Wir schauten uns die Häuser in der Gegend an – da stießen wir tatsächlich auf ein fliegendes Blatt [Anm. GG - ein tanzendes, sich drehendes Blatt, an einer Spinnwebe], was wir beide sehr lustig fanden [Anm. GG - und lange beim magischen Tanz beobachteten, wie in einem Film].

An einem Dienstag holte Gunilla Ihr Kunst-Utensil aus einem Besprechungsraum raus, und wir gingen in den Garten.
Als ich einen Moment lang alleine war, malte ich das, was ich gerade sah, im Garten bzw. was gerade vor mir stand, und machte mit dem Pustefix immer wieder ein paar Seifenblasen. Doch plötzlich hatte ich wieder starke Schmerzen, und konnte nichts mehr sagen, und mich vor Schmerzen kaum mehr bewegen – ich war so froh, dass Gunilla und die Ärztin sehr rasch zur Stelle waren, und mich ins Zimmer begleiteten. Gunilla blieb bei mir, bis es mir ein wenig besser ging. 


Ich erzählte Gunilla von meinem Plan, mal einen Kurzfilm aus meiner Geschichte zu machen. Sie fand, dass das eine sehr gute Idee sei, und wir sprachen ein wenig darüber. 


Nun gut, schlussendlich erzählte ich ihr auch, dass ich am Liebsten wieder in meine Heimat zurückgehen will, und dies leitete sie an meine Ärztin weiter. Am nächsten Tag erzählte mir die Ärztin, dass sie alles dafür tun würde, dass mein Wunsch auch schnellstmöglichst in Erfüllung gehen kann.

Eine Woche später kamen meine Eltern zu Besuch, und dann klappte es endlich, dass ich zwar ziemlich abgeschwächt, aber sehr glücklich, mit meinen Eltern zusammen das KH verlassen durfte. Ich war froh, dass ich ein Tag vor der Entlassung noch schöne und lustige Stunden mit Gunilla erleben durfte. 




Schlussendlich versüßte Gunilla meine gesamte Krankenhaus-Zeit. Sie ließ mich kurzweilig vergessen, dass ich überhaupt im Krankenhaus lag. Nach jedem Dienstag fühlte ich mich richtig glücklich und zufrieden.

Aber auch nach wie vor pflegen Gunilla und ich einen herrlichen Kontakt via Whatsapp - und sobald ich wieder in Berlin bin, werden wir uns wieder treffen, sei es zu einem Prosecco in Kreuzberg, wo wir beide leben, oder zu einem unserer herrlichen Dienstage!
Ich freue mich schon riesig auf diesen Moment!

Unvergessliche, wunderbare Momente bleiben.

(07.10.2015)


Thanks web for pics - thanks L for pics - some pics are mine!

Freitag, 2. Oktober 2015

Blind-Portraits | Ich bin Viele - ich bin Vielfalt


Blind-Portraits | Ich bin Viele - ich bin Vielfalt 





Ich habe neulich einen 1,5 stündigen Erlebnis-Vortrag über *Kunsttherapie/ Kreativität und Lebendigkeit* gehalten - im Rahmen eines medizinischen Symposiums. Dort habe ich ein theoretisch-praxisreiches, interdisziplinär angelegtes Kunsttherapie-Konzept in einer Fachklinik vorgestellt. 

Dazu animierte ich zum Dialog über Lebendigkeit, zeigte diverse Medien - eine Sprach-Audio-Aufnahme eines biographischen Patienten-Gespräches, ein Lied zum Mitsingen, einen Gedicht-Film. 

einladen - ermutigen - inspirieren (nach Prof. G. Hüther)

Im zweiten Teil des Vortrages gab es auch ein Praxis-Setting - ausgehend vom Gedicht-Film habe ich mir das Thema *Leben ist Wandel - jedes Ich sucht ein Du* herausgepickt, und die TeilnehmerInnen erst sich selbst - blind, OHNE auf das Papier zu blicken - um sodann auch den Nachbarn - OHNE auf das Papier zu blicken - zu zeichnen. Jedes Porträt bekam einen schnell gewählten Titel - als einzelnes Wort oder auch ganzem Satz! Ganz nach Belieben!  







Da ich den TeilnehmerInnen zeigen wollte, wie das konkret aussehen kann, hatte ich ein Blind-Portrait mit Edding (mit nur geringer Verschönerung) von mir vom Beginn des Tages mitgebracht. Das Experimentieren führte zu viel Lachen und Leichtigkeit. 




Nun hatten die Dialog-Partner/ Nachbarn jeweils zwei Porträts vor sich - insgesamt vier mit auch jeweils einem Titel. Nun sollten sie sich anhand der Porträts mitsamt Titeln Gedanken machen, in welchen Film oder Buch sie denn zusammen spielen würden. Ich ermunterte sie, vor die TeilnehmerInnen nach vorne zu treten, um gemeinsam ihre brandneue Idee vorzustellen!
Bei einem Pärchen gab es statt einem Filmtitel einen Liedtitel! Künstlerische Freiheit begrüße ich immer! 

In diesem Sinne möchte ich mich auch noch mal bei allen mutigen TeilnehmerInnen des Erlebnis-Vortrages bedanken! 
Schön, dass Ihr da wart und mitgemacht habt!!!

+

Diese Porträts führe ich nun weiter - jeden Tag eines, 
seit dem Vortrags-Tag am 25.09.2015.


Methodisches

Ich arbeite zuerst mit Ertasten des Gesichtes und auch Erfühlen, was an Stimmung und allerlei Merkwürdigkeiten in und an mir ist. Dann hurtig und mutig - in einem Schwung - OHNE NACHZUDENKEN und auch OHNE AUF DAS PAPIER ZU BLICKEN auf das Papier.

Das tut ungemein gut. Es gibt KEINEN LEISTUNGSANSPRUCH, nur die pure Freude am Tun.

Dann *verschönere* ich mit Aquarellstiften und Wassertankpinsel, mit wilden Ölkreiden und anderen Neonstiften. Alles relativ schnell und OHNE ZENSUR.
(Hier kann natürlich alles verwendet werden, was man zur Verfügung hat. Ich liebe Neon, weil es aus dem Bild *ausbricht*!)

Dann erfolgt noch ein Titel, den ich wiederum schnell und intuitiv wähle. Bloß nicht zu viel nachdenken - einfach machen! Was man sieht, schreibt man auf!

Ich liebe diese Herangehensweise!
Sie macht mich sehr frei! Ob gut oder schlecht, schön oder häßlich ist völlig egal! :)

Und das sind sie nun - meine *Gunillen und Lumis* - jeden Tag eine...mal sehen, wie lange ich das durchhalte...sie sind wunderbar skurril!









 Was es bisher schon bewirkt hat


jeden Tag ein Selbst-Porträt - Ernstnehmen der Aufgabe, Erfahren von eigener Disziplin und Freude am wild-buntem Ergebnis - wie eine bunt-zusammengewürfelte Familie!


Vielfalt der verschiedenen Ausdrücke und ein Erspüren, wie viele unendliche Möglichkeiten es gibt, sich selbst zu erfahren und zu gestalten - allein mit dieser Methode.


Entdeckung der umfangreichen Sinnlichkeit des Gesichtes durch Ertasten und Erspüren - Ecken und Kanten, Weichheiten, Längen und Formen etc. 


Es ist ein bißchen wie ein Orakel: Wenn morgens gemalt, zeigt es mir, mein Gestimmtsein für den Tag. Wenn Abends gemalt, zeigt es eine Art Stimmungs-Resümee des Tages. 


Vielfalt an Poetischen Begriffen zum Weiterspielen - wegen der gefundenen Titel.
Daraus könnte ich Gedichte, Geschichten, Collagen-Serien uvam. gestalten. 


 ---- Entdeckung eines nahezu unendlichen Möglichkeiten-Spektrums an Selbst-Ausdrücken!


*Ich bin das Alles und noch viel viel mehr...in mir steckt so viel...
Welch' ein Wunderwerk Mensch - Halleluja!*

Herzlich Ihre erfreute
Gunilla Göttlicher alias Lumi Divinior


+++

Die Blind-Portaits auf meiner flickr-Plattform
https://www.flickr.com/photos/125515881@N03/albums/72157659339250612


serie Blind-Portraits
Beginn: 25.09.2015

Edding, Aquarellbuntstifte/ Wassertankpinsel, Ölkreide und Neonstifte auf Kopierpapier.

Titel der Werke

+ GLOTZAUGE - 25.09.15

+ AUGENSCHLANGE - 26.09.15

+ INSELICH - 27.09.15

+ DIE SCHWIMMERIN - 28.09.15

+ LAUSCHER - 29.09.15

+ DRITTE LIPPE - 30.09.15

+ SCHMETTERLINGSSCHLAF - 01.10.15


Dank an Fr. G für die Vortrags-Bilder! Blind-Portrait-Bilder by me! 

Samstag, 25. Juli 2015

Serie JA zum Leben! | Gedanken zu mir und der Welt

Serie JA zum Leben!  | Gedanken zu mir und der Welt


Be a lamp, or a lifeboat or a ladder. Help someone's soul heal.
Rumi
Die eigene Skulptur freilegen oder: Vom Willen, zu sich selbst zu kommen 




Was mich schon so lange beschäftigt, ist das Phänomen, dass selbst akademisch gebildete Menschen in therapeutischen Berufen, in ihrer Wahrnehmung, so intensiv eingeschränkt sein können, und ihre individuell angelegten Erfahrungs-Muster unreflektiert auf andere projizieren. Ich persönlich wollte dieses Phänomen lange nicht wahrhaben. Ich dachte, das kann es nicht geben, weder bei mir noch bei Anderen.


Ich habe lange geglaubt, dass sog. gebildete Menschen, studierte Akademiker v.a. der therapeutischen und kulturellen Berufe, irgendwie anders ticken, vielleicht gar reifere oder zumindest reflektiertere Menschen sein müssten, als Otto-Normal-Verbraucher. Zumindest entsprach das dem Bild, das mir seit meiner Kindheit vermittelt wurde.



Ideal-Ich versus erwachsenes Individuum


Heute weiß ich, das stimmt so nicht. Ich habe über die Zeit durch viele wertvolle Erfahrungswerte anerkannt, dass es nicht so sehr auf die hochgehaltene äußere Bildung, sondern die innere, die emotionale Bildung und Intelligenz (Herzens-Bildung) ankommt, der man durch gelebte und reflektierte Erfahrung mit Anderen näherkommen kann. Es gibt sehr viele Therapeuten, die gerne und gut anderen helfen, sich aber selbst kaum wirklich helfen können, da sie keine Hilfe annehmen dürfen und können. Sie kreisen in ihrem Ideal-Ich (in verschiedenen „Rollen“) um sich selbst und lassen keine wirkliche Entwicklung zu, obwohl sie nach Außen so-tun-als-ob. Ich kenne mittlerweile davon zahlreiche Beispiele, und bin darüber immer noch erschüttert. So tief sitzt der eigene Stachel und Schmerz, so tief ist die Verletzung, dass ein Seins-Ideal (Ideal-Bild oder Ich-Ideal) besser zupass kommt, als das eigentlich verletzte Kleine, vielleicht gar früh traumatisierte Kern-Selbst. 
 
Das Buch „Die narzisstische Gesellschaft – Ein Psychogramm“ von H.J. Maaz brachte mir da noch mehr Gewissheit und Klarheit rein, dass auch und gerade die Mächtigen, auch Ärzte und Therapeuten neben Politikern, Managern etc. ihr idealisiertes Größenselbst (auch möglich: Größenklein als ewige Verlierer und damit Opfer) ausleben: 

Menschen mit narzisstischen Störungen brauchen problematische und leidvolle gesellschaftliche und soziale Verhältnisse, die ihnen helfen, ihr wirkliches Leid zu vertuschen und zu vergessen.“ (H.-J. Maaz, Die narzisstische Gesellschaft, S. 85). 


 

Auch ich kenne diese Thematik gut – bis heute und ich denke bis an mein Lebensende. Ich kann mich erinnern, dass meine Welt mit 23 Jahren wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen ist – in der Therapie, die ich wegen anhaltender Depression mit Suizidgedanken aufsuchte und auch im Gesangsunterricht, den ich wahrnahm, um meine Stimme zu finden. Im Gesangsunterricht wurde es mir besonders deutlich: da ich den Gesangslehrer gewechselt hatte, weil ich mit meinem vorherigen nicht weiterkam, wurde mir in den Stunden mit dem neuen Lehrer und seiner besonderen Methodik bewusst, was er mit meiner Stimme, durch die vielen Übungen hindurch, tat: Er nahm sie buchstäblich auseinander – viele einzelne Puzzleteile gab es, die irgendwie falsch zusammengesetzt waren und neu zusammengesetzt werden mussten. 
 
So kam ich mir dann auch generell vor: meine Puzzleteile – meine eingeprägten Erfahrungen und daraus resultierenden Glaubenssätze, mussten radikal hinterfragt und ob ihrer Richtigkeit für mich heute abgeklopft werden. Alles war da, das beruhigte mich ungemein, aber die Skulptur, die sich daraus ergab, erschien irgendwie unproportional unstimmig zu sein. Irgendwie noch eine Art künstliches Selbst, nach Alice Miller „Als-ob-Persönlichkeit“ oder auch falsches Selbst. Es schien darum zu gehen, sich seine eigene Wahrheit anzuerkennen, sein Bild von sich selber einem Wahrhaftigkeits-Check zu unterziehen. Bin ich das, was ich von mir denke, wirklich? Wenn ja, wie kann ich das erst mal anerkennen und anschauen und mich dann weiterbewegen, weiter zu mir selbst? Vielleicht bin ich ja noch viel mehr, als ich mir heute vorstellen kann?



Das Ideal einer Mutter und das schwarze Schaf der Familie 



Ein ähnliches Phänomen, vielleicht der Ursprung des Ganzen, erlebte ich auch mit meiner mütterlichen Bezugsperson. Die vielen positiven Mythen und Bilder von der guten, heißt bedingungslos liebenden Mutter, wollten nie so recht zu dem Mutterbild passen, das ich erlebt und in mir hatte. Was ich oft erlebte, war Neid, Eifersucht und zahlreiche Gewaltausbrüche seitens der Mutterfigur, die aber allesamt nur von mir als wahr und über die Jahre von mir mehr anerkannt werden konnten – mein aggressiv-gefärbtes Mutterbild durfte nicht sein, war in meiner familiären Welt Tabu: mein familiäres Umfeld versuchte mir systematisch auszureden, dass meine Wahrnehmung, seitens der Mutter Gewalt und aggressive Gefühle zu erfahren, stimmte. Es durfte einfach nicht sein, weil es nicht dem Ideal-Bild der Mutter-an-sich und dem Bild einer Ideal-Familie entsprach. Es ging so weit, dass ich von der gesamten Familie als das sog. Schwarze Schaf im Sinne des Ver-rückt-Seins betrachtet und immer wieder ausgegrenzt wurde, und immer nur ich an der entstandenen aggressiv-gewalttätigen Disharmonie schuld wäre. 
 
Das ist im Großen und Ganzen auch heute noch so. Das reale mütterliche Verhalten mir als Tochter gegenüber kann sich keiner aus meiner Familie anschauen, ohne es sofort mir zuzuschreiben. Das ausgeprägte Schwarz-Weiß-Denken der Mutterfigur wurde unhinterfragt vom Rest der Familie übernommen. Es hätte, bei Eingeständnis eines Fehlers, den Zusammenbruch ihres Ideal-Bildes der Mutter-an-sich und der Familie bedeutet, wieder eine schwankende Kartenhaus-Konstruktion. Eine weitere Entwicklung ist abzuwarten - ich bin dran und beschreite vielleicht mal neue Wege. Auch hier greift die Idee der transgenerationalen Weitergabe von Trauma – wenn es unhinterfragt und nicht emotional durchgearbeitet wird, entsteht in der Familie viel Leid. 
 
Ganz ähnlich fand ich es auch in der Geschichte der Psychologin und Kindheitsforscherin Alice Miller, einer auch von mir fast idealisierten Autorin, deren Schriften über Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung wie „Das Drama des begabten Kindes“ (1979) und „Am Anfang war Erziehung“ (1980) u.a. ich gerne lese, ernst nehme und rezitiere; von der ich in dem Buch ihres Sohnes ihre wahre und rekonstruierte Geschichte erfahren durfte – wie sehr sie bei ihrem eigenen Sohn Vernachlässigung und auch schweren Missbrauch betrieb, und der auch erst ein wütendes Rache-Plädoyer gegen seine Mutter entwarf und dann nochmals, angeregt durch eine emphatische Verlegerin, seine wahre und mittlerweile reflektierte Geschichte erzählte. Martin Miller bringt das Kunststück fertig, die eigentliche und von ihr sorgsam verschwiegene Geschichte seiner Mutter zu erzählen, nichts zu beschönigen und auch von einer transgenerationalen Weitergabe von Trauma zu sprechen (Martin Miller: Das wahre 'Drama des begabten Kindes'. Die Tragödie Alice Millers – wie verdrängte Kriegstraumata in der Familie wirken.“)



Die vielen Facetten einer Mutterfigur und der Wille zur Freiheit 


Heute weiß ich, dass es in den Frauenfiguren der Welt, z.B. in der hinduistischen Götterwelt sehr viele verschiedene Facetten des Weiblichen gibt – die Shakti als die weibliche Urkraft des Universums zeigt zahlreiche Ausgestaltungen der Großen Mutter wie die kämpferische Durga auf ihrem Löwen, Sarasvati (Kunst, Wissenschaft), Lakshmi (Glück, Reichtum, Schönheit) und Parvati (sanft als Uma, kriegerisch als Durga). Die Göttin Kali entsteht aus den Göttinnen Sarasvati, Lakshmi und Parvati, wenn das Unheil im Weltgeschehen überhand nimmt; sie ist die Zerstörerin, aus deren Zerstörungskraft neues Leben erwächst.
Heute kann ich immer mehr mein Leben sehen, als ein Leben zur persönlichen Freiheit hin. Und mir ist es wichtig und wesentlich geworden, meine eigenen und wahrhaftigen Puzzleteile zu sehen und zu begreifen, und immer mehr zu meinem Leben zusammensetzen zu können. 
 
Meine eigene Wahrheit ist, bei Lichte betrachtet, berührend. Immer mehr kann ich mich an meine Hand nehmen und mir mich zeigen, mich von mir selbst berühren lassen. Ich habe begriffen, dass es darum geht, mir selbst eine liebende Mutter und Schwester zu sein, auch wenn ich viel von Außen an Input einholen muss, weil es mir noch immer als Phänomen neu ist. 
Das Bild der bedingungslos liebenden Mutter, der Großen Mütter der Urreligionen wie Inanna (sumerisch), Ishtar (babylonisch) und Astarte (phönizisch), dann der christianisierten Maria und Maria Magdalena oder auch Shakti (Sarasvati, Lakshmi, Parvati), ist mir nicht so vertraut wie das der kämpfenden Durga und der zerstörerischen Kali. Dennoch weiß ich mittlerweile, dass es in mir eine warme und lebendige Mütterlichkeit gibt, für mich und auch für Andere.



Ausprobieren – Hinfallen – Aufstehen (Krone richten) und seine Wunden zeigen – wachsen! 




Ich probiere mich aus, gebe mein Bestes, falle hin, stehe wieder auf, besehe mir das Geschehen, versuche daraus Schlüsse zu ziehen, gehe in den Dialog mit Anderen, zeige mich, zeige meine Wunden und auch meine Schönheit, die vielleicht gerade aus meinen Wunden erwächst. Ich habe damals mit 23 Jahren einen spannenden Selbst-werdungs-Prozess in Gang gesetzt, der vielleicht auch den Namen Individuationsprozess (nach C.G. Jung) tragen darf – mit schon zahlreichen Nachmeerfahrten in meine persönliche Unterwelt. Heute mit 40 Jahren, also nach mittlerweile 17 Jahren Selbst-Erfahrung, kann ich meine Skulptur, die ich bin, schon etwas besser anblicken, finde sie stimmiger, ausdrucksvoller und: es ist bis zum Ende des Lebens noch viel zu erfahren, es hört lange nicht auf. Mittlerweile gefällt mir das. Es bleibt bis zum Schluss spannend!


Darüber hinaus, und das beeindruckt mich besonders, hat Frau, habe ich noch viele andere weibliche Archetypen in mir, die ich aufspüren und entdecken darf. Eine liebe Freundin gab mir ein Buch mit dem schönen Titel „Königin und wilde Frau“ zu lesen, und es ist herrlich, was es dort alles zu entdecken gibt: Linda Jarosch und Anselm Grün beschreiben darin weibliche Archetypen anhand biblischer Frauengeschichten. Dennoch kommt auch das Heidnisch-Weibliche nicht zu kurz. Beschrieben werden 14 Frauenarchetypen – von Debora, der Richterin, über Esther der Königin, hin zu Eva der Mutter, zu Maria Magdalena, der leidenschaftlich Liebenden bis hin zu Tamar, der wilden Frau.
Aber darüber schreibe ich ein nächstes Kapitel – es gibt ja so viel in sich, in Anderen und in der Welt zu entdecken! 


Glückauf, Ihr Lieben! 

HerzLicht 
Gunilla Göttlicher 
 
am 25.07.2015

 
Bilder (Collagen) by *Die Welt der Lumi Divinior by Gunilla Göttlicher*

+++ Von Fischen +++ by Gunilla Göttlicher

Fische schwimmen im Wasser hin und her wenn ein Angelhaken kommt denken sie ersteinmal über dessen tieferen Sinn nach Erinnerung an Finnland, 2009