Samstag, 23. Januar 2016

Palliative Care und Kunsttherapie | Verarbeitung mittels Kreativen Schreibens


Palliative Care und Kunsttherapie | Verarbeitung mittels Kreativen Schreibens 




Ich werde öfters gefragt, wie ich das denn aushalten würde, so nah dran zu sein am Existentiellen, an der Grenze, am Abgrund, Ende oder auch am Gipfel des Lebens, je nach dem, wie man es sehen will und kann. Ich sage dann, dass ich froh bin, die KUNST und die POESIE zu haben, als meine Verbündeten - sie geben mir die nötige Freiheit - den Horizont und wieder weiteren Blick - die Möglichkeit, mehr zu sehen, als das Alltägliche und Naheliegende ... auch zu beschreiben, was ich erlebe, es in eine andere, vielleicht weitere Dimension zu heben - diese Erfahrungen als Gipfelerfahrungen wertzuschätzen - als große Erfahrungen des Menschseins - zwischen mir und einem Anderen - Begegnungen, die mein Leben reich und fast üppig barock sein lassen. Beginnend mit Rose Ausländer und ihrem Gedicht "Gestirne" ein paar poetische Gedanken von mir und meiner Arbeit im Rahmen von Palliative Care und mit Patienten auf der Tuberkulose-Station, ebenso aus dem Beatmungszentrum.


Gestirne


Siehst du
den Wagen oben
Sternworte sprühen

Hier unten
gibt es Vernunft
und kleine Zeichen

Abgrund und Gipfel

Erinnerung an
Vergangenes und
an die Zukunft

und Künstler
unsere Erdgestirne

(aus: R.A.: Deiner Stimmer Schatten. Gedichte, kleine Prosa und Materialien aus dem Nachlaß, 2007)


Mehr Gedicht von mir - gesprochen und als Album veröffentlich, in ständer Weiterentwicklung:  
https://mondblume.bandcamp.com/album/von-unken-wei-en-schweinen-schweinem-nnern





am Montag noch

ach Du Liebe
Du liebgewonnener Mensch
am Montag noch
habe ich Dir die
Geschichte von der Schildkröte vorgelesen 

Am Montag noch haben
wir gemeinsam Deine Werke
Deinen Lieben gezeigt 

Am Montag sahst Du Bilder 
die nur für Dich existierten
eigentlich hattest Du keine Angst
sagtest Du 

Dein Oevre, Deine ureigene Kreativität
zeigtest Du mir und uns.
Ich war und bin stolz auf Dich
mit welcher Freude
Du Deine Welten und Wesen 
erschufst
Paula langsam
Henry die Maus
und viele viele andere
durften entstehen

So viel Freude - so viel kleines und großes Glück
ich danke Dir!
Leb' wohl, lieber Mensch!
Möge Dich Paula Schildkröte
bei Deinem Weg zu Deinem Stern
gut geleiten! 

(zum 03.02.2016 | Für Angela!)     

* 


 
Das LEBEN nochmal kosten


Gestern saß ich lange neben
einem alten Mann
er erinnerte mich an
Charlie Chaplin

ich sollte von mir erzählen
was ich denke, auch über ihn denke
ehrlich – ich begriff noch nicht, worauf es
zielte
ich erzählte
doch ohne Antwort ist mir Erzählen schwer
ich brauche ein Gegenüber
so wie er
er wollte eine Stimme hören, eine Frauenstimme
wie die seiner Mutter -
könnte ich doch frei Märchen erzählen

er schien sich schon von dannen zu machen
war verwirrt und ungehalten
über vergossenen Kakao
und, dass niemand über gefühlte Stunden
zu ihm kam
ich blieb dann Stunden
ich sollte, ich muss bleiben, sagte er bestimmt
ich blieb

er fragte mich,
was ich von ihm halte
ich sprach vom
Eros des Geistes
von geistiger Verführung
zu neuen Horizonten
ja, dieses Gefühl des platonischen Verliebtseins
beschrieb ich
auch von Thanatos – seinem Gegenspieler
dem Destrudo allen Lebens

und immer wieder ein Geruch,
der ihn fast anwidere – so süßlich blumig
ich schnuppere an mir und ja, ich gebe zu
ich habe morgens einen Geruch aufgelegt
ich mag ihn, nehme ihn aber selbst nicht mehr wahr
oh je, was man alles falsch machen kann
mit sensitiven Menschen
beim Übergang
oder kommt der Duft gar von woanders her?
Wer oder was duftet da nach Blumen?

was ist mit mir?
wie ist Sterben?
Ich sagte ihm, dass ich wahrnehme,
er hätte Angst vorm Sterben,
vor dem Nichts,
dem Nicht-Greifbaren -
er hält sich tapfer am Galgen fest
er ist so interessiert am Mensch-Sein
er will nicht Loslassen
ist wütend, weil es ungerecht ist
es keinen Trost gibt
die Philosophie des Mittelalters und der Renaissance
war und ist sein Steckenpferd

er wollte einen Sohn
ein Gegenüber, mit dem er Philosophieren könne
unbedingt
er ist so traurig, alle seine Freunde
sind schon gegangen
sein Sohn ist nicht da
er ist so allein
mit seinen vielen Gedanken
und diesem Etwas, was er nicht kennt
greifen und einordnen kann

ich fragte, was ihn beruhige
früher beruhigt habe
Märchen – antwortete er, nach längerem Überlegen
ich begann mit Frau Holle
er unterbrach mich
ich solle leiser lesen
dann wollte er doch lieber
Hänsel und Gretel
die Nase blutete - immer wieder
er konnte kein Blut sehen
der Grund, warum er nicht Arzt werden konnte
und ich irgendwie auch nicht – beides teile ich
er fragte, ob ich mich wohl mit ihm fühle
nun ja, sagte ich – der Kopf tue mir weh
und Bluten ist auch nicht gerade mein Ding
zu Rot auf die Dauer
ich setzte zehn Mal mit Hänsel an
und kam gerade mal zum Hexenhaus
das Ende steht noch aus

dann wollte er frech aus meiner Tasse trinken
nicht aus irgendeiner, aus meiner
was soll man da noch sagen
nein, das ist meine Tasse, Schluss, Grenze! - sagte ich
er wurde munter und wirkte leicht beleidigt
dann fragte ich ihn, was er denn von mir halte
er schwieg erst, war unleidlich, dann antwortete er
Geduld - sähe er bei mir
und vieles Gute zwischen den Zeilen

Auch Böcklins Toteninsel beäugten wir
im Geiste gemeinsam
wie Charon, der Fährmann, den unlebendigen Gast
über den Styx oder Acheron hinübersetzt
ein aufregendes Bild
befanden wir

zusammen wurden wir lustvoller
herausfordernder
als hätte ihn das fließende Blut noch mal erweckt
liebkosten noch einmal das Leben
wie gerne hätte ich ihm ein Märchen
vom Guten Gehen erzählt – frei und glücklich
ins Licht gehen
doch eher das
pralle, beziehungsvolle
und auch verwirrende, herausfordernde
schrecklich-schöne
LEBEN
noch mal SPÜREN
in all seiner KURIOSITÄT
das war es,
was wir nochmal gemeinsam
kosteten

(Für Hr. S. - am 10.03.2016)


*


 

Pullover ziehen Feld oder: KKK

ich sehe aus wie der Frosch
auf dem Bild
in Grün & so'n Ding um den Mund
nur das Quaak fehlt
weil der Hals wund ist

dennoch merke ich
ist mir wieder nach Unsinn
im Zimmer eine kleine feine Dame
aus Asien
ihre Freundin ist auch da
es ist leicht
es gibt so viel zu Lachen

ich schneide eine Kuh aus
& den Blick in den Kaffee
dann noch bunten Kuchen
ich frage, ob es auch Kühe
dort gibt, wo sie leben
ist eigentlich klar (kleines Lächeln)
die Freundin will aber von
besonderen Kühen, die Pflüge
auf Feldern ziehen, erzählen 
"Pullover ziehen Feld"
"Pullover ziehen Feld"

ich werde nachdenklich

In Asien scheint alles anders zu sein

dann wird ins
Lexikon geguckt
& "Büffel" sind's
"Büffel ziehen Feld"
Ja, denke ich - genau!

Aber Pullover, die
Pflüge auf Feldern ziehen
halte ich auch für denkbar

Kaffee, Kuh - Kuchen
sage ich
wir müssen lachen
ist einfach zu komisch

Aus Nichts
ist nun so viel
Unsinn geboren
ganz leicht

und der Todesgeschmack
von Blut & Spucken
schmeckt nun nach
Kaffee, Kuchen & Kuh
& nach Pullover
natürlich

(Für Anh und Lan und Her (!)/ 21.01.2016) 
Entstanden nach einem Besuch bei einer jungen Asiatin, die schon seit Wochen wegen Tuberkulose isoliert in ihrem Krankenhauszimmer lebt. Ich habe ihr, vermummt, Collage-Materialien mitgebracht, und mal heiter und flink vorgeführt, welch' spannendes Medium sie nun selbst bearbeiten kann. 

* 


Die zwei Mäuse

Am Morgen packe
ich ein Buch über Tiere ein
*Kopf hoch* heißt es 
und der Mensch, dem ich es 
zeigen will, wird sich freuen 

Der Mensch hat Angst
vielleicht wacht er nicht mehr auf
nach der großen OP
dann wäre es quasi ein Segen
nur das Bein zu verlieren
vielleicht wacht er nicht mehr auf
der Mensch
den ich über die Zeit so liebgewonnen habe
die Tiere machen uns lachend
jedes Tier mit jedem Satz
es beschreibt, wie wunderbar
doch das Leben selbst ist
wie einfach wie schön
ich habe Tränen in den Augen
wir beide spüren, wie warm es
uns ums Herz ist
wie nahe wir uns sind
wir beide Menschen wir
so nah und so unendlich sterblich
beide
und doch so warm
wie die zwei Mäuse, die genüsslich
an einem Keks knabbern 

(21.01.2016/ für Renate) 

*

Lackschuh und Bommelsocken 

über die vier Jahre 
hat sie sich so manche Feinde gemacht
sie kann so herzzerreißend
lamentieren. meckern, unzufrieden sein
doch - ich stehe ihr bei
sie droht bei zuviel Belastung 
zu verbluten
wie ein Strahl
erzählt die Schwester mir
sie hustet Blut
und mir ist schlecht
gnadenlos schlecht
und doch bleibe ich
etwas in mir weiß warum
ich das tue
weshalb ich ihre Verbündete
beim heimlich-Rauchen bin
und sie mir dann doch
von ihren Kinderträumen erzählt

ihre Stimme war schön
sie liebte diesen Chor
sie wollte singen, feiern und gefeiert werden
und doch kam alles anders
das ließ sie verbittern
sie erinnert sich an die 
Lieder und tanzt im Bett
erinnert sich an Lackschuh und Bommelsocken
die sie nicht mochte
genau, deswegen bin ich da
deswegen, Mensch!

(21.01.2016/ für Brigitte) 

*

weißes Laken bunte Stiche

ich erinnere mich 
an den weißen Stoff
an dem ich entlangglitt
Laken von Patienten

wer weiß, wer hier alles lag
schlief, lachte, litt oder blutete
gar verstarb
viele werden's gewesen sein
ich lasse mich los
und gleite an ihm entlang
setze bunte Stiche
irgendwohin
rein aus mir heraus
es tut so gut
nicht zu planen
nur zu tun
was man tun muss   

(22.02.14) 


Von einer großen Frau

sie ist wild
verrufen eine Histrione - Diva, Amazone
und Mutter
mütterlich zu jungen Frauen
ich glaube ihr - ich spüre das

sie zeigt mir blind gezeichnete
Engelsfrauen
mit Flügel - wehendem Kleid und Haar

ich wähle eine Schöne mit einem
größeren Stiefmuttergesicht dahinter
erzähle von Mutter, Neid und Traurigkeit
sie greift es auf  
und erzählt mir alles

(Für Dorothea, 27.11.2014)   
 


 Dank dem www für das Sternenbild - ebenso mein ergebenster Dank an die Menschen, die ich ein Stück des Lebens begleiten darf. DANKE! 

Freitag, 27. November 2015

„Sehen Sie schon einen Fisch?“ | Arbeit mit Stimmungs-Bildkarten mit palliativen u.a. Patienten




 „Sehen Sie schon einen Fisch?“ | Arbeit mit Stimmungs-Bildkarten mit palliativen u.a. Patienten 

 Arbeit mit den Karten „Heute bin ich“ von Mies Van Hout

mit Patientinnen im Rahmen von Palliative Care in zwei Kliniken

und in einem Beatmungszentrum 



Manchmal habe ich das Glück mit Patientinnen sein und arbeiten zu können, die genügend Ressourcen wie körperliche Kraft, einen aktiven Geist, Neugierde und Staunen mitbringen, mit denen man einen künstlerischen Prozess mit einem eigenen Produkt anregen kann.



Und ich wollte sie ausprobieren, ob sie hilfreiche Freunde bei diesem Prozess sein könnten: Die lustig-bunten Fische von Mies Van Hout. Mir erschienen sie als ideal, eine Vielfalt an Anregungen für die Lust am Durchgucken und auch die Gestaltung zu geben. 



Ich habe allen drei Patientinnen das Kartenset, Tonzeichenpapier, Ölkreiden und auch einmal zusätzlich Pastellkreiden (mit Fixation) mitgebracht. Teilweise ebenso einen CD-Player mit Entspannungsklängen zum Thema Meer (Meeresrauschen mit und auch ohne Musik). 






Fallbeispiel 1 – Langzeitpatientin (53) in einem Beatmungszentrum
„Der Schleierfisch“ oder wie eine Patientin ihre Angst hintanstellt und die Freude nach vorn kommen lässt 





Ich besuchte die Patientin im Beatmungszentrum schon seit längerer Zeit – gemeinsam hatten wir schon so mache Minute gar Stunde der Freude erleben können – sie sagte stets (ich las von ihren Lippen ab und was ich nicht verstand, schrieb sie mir auf), dass es immer eine Erfahrung wert sei, sich einzulassen auf das, was da kommen könne, wenn man sich auf eine ästhetische Erfahrung einlasse. Wir hatten u.a. schon uns selbst mit den Blind-Portraits porträtiert und großen Spaß miteinander gehabt (siehe Wand-Galerie).

An diesem Montag sollte ihre Trachealkanüle abgenommen und von der Beatmungsmaschinerie befreit werden, damit sie alleine und mit ihren Lungen atmen könne. Das machte ihr Angst, da sie merkte, dass ihr zarter Körper es nicht wirklich leisten könne. Ich stellte die Probe aufs Exempel, und versuchte ihre Aufmerksamkeit zu verlagern. Ich zeigte ihr die Fische-Karten und ermunterte sie, spielerisch die gezeigten Stimmungen zu erraten; sie war so gut, dass sie alle erriet, oder zumindest nahezu richtig lag.

Dann fragte ich sie, ob ich einmal die Ölkreiden auf dem Tonzeichenpapier ausprobieren dürfe. Sie bejahte und dann fragte ich nach ein paar Strichen, ob sie denn schon einen Fisch sehen könne. Und, was soll ich sagen, sie sah einen: zusammen malten wir zwei Augen, einen üppig bunten Schwanz und abschließend gestaltete ich noch Wasserpflanzen nach ihrem Gusto.

Ein Freund von ihr trat ein, und wir fragten ihn, wie er das Bild nennen würde. Er nannte es „Der Schleierfisch“ und das gefiel der Patientin gut. Als Letztes schrieb sie den Titel auf die Rückseite mitsamt ihren Anfangsbuchstaben und dem Datum. Dann hängte ich die Ausstellung der Blind-Portraits mitsamt dem Schleierfisch an die Wand.



Die Patientin sagte, dass ihr der Fisch sehr gefallen würde – er hatte es nicht nur geschafft sie abzulenken, sondern darüber hinaus die Angststimmung hinten anzustellen, während positive Gefühle an die Oberfläche bzw. nach vorne kommen konnten.



Das gab ihr wieder eine Idee vom lebendigen Ganz-Sein zurück – neugierig und vergnügt, neben ängstlich und verwirrt. Und die Bilder-Ausstellung an der Wand ihrem Bett gegenüber erinnerte sie nun an gute Momente mit positiven Stimmungen, wenn sie alleine war und ihre Angst spüren musste. 

*Der Schleierfisch*

Wand im Patientinnenzimmer - Schleierfisch und Blindportraits






Fallbeispiel 2 – Patientin (45) in einem Akut-Krankenhaus
„wohlig“ oder wie eine Patientin ihren Idealzustand kreiert 





Ich habe im Akut-Krankenhaus eine Kollegin, Psychoonkologin, die mir manchmal gezielt Patienten ans Herz legt, die nicht im Palliativbereich liegen, und für die die KT eine Bereicherung sein könnte, wie auch in diesem Fall. Ich erfuhr, dass die Patientin mit eigenem Gestalten schon Erfahrungen sammeln konnte. Ihre derzeitige Situation war ungewiss, sie wartete auf ein klärendes Gespräch mit dem Oberarzt. Daher war sie angespannt. Dennoch ließ sie sich gerne auf unser kleines Experiment ein – zwischendurch kam der Assistenzarzt der Station und erklärte, dass das Gespräch erst am nächsten Tag stattfinden könne.



Auch ihr gab ich die Karten in die Hand, und sie ließ sie alle auf sich wirken. Ihre gefielen die positiven Fische-Stimmungen am Besten – mit den negativen wollte sich sich in diesem Moment nicht belasten. Sie wollte nach vorn blicken – für sich und ihre Angehörigen.

Es entstand schnell ein vom Betrachter ausgehend nach links schwimmender Fisch – dann links eine Sonne – Sonnenstrahlen, die den Fisch treffen. Wir betrachteten das Bild immer wieder und ich fragte, was noch da hin gehöre. Es kamen noch zwei kleinere Fische dazu – dann ein größerer direkt unter ihr. Auf mein Nachfragen hin, identifizierte sie die Fische mit sich und ihrer Familie. Sie benannte es mit dem Begriff „wohlig“, ein Eingebettetsein in ihre Familienharmonie, alle beisammen, vom Sonnenlicht angestrahlt, alle in eine Richtung blickend.



Ich hängte das Bild zu ihren anderen Bildern. Wir betrachteten das Bild – ein weiterer Dialog begann – und sie erzählte mir von einem Kind, dass sie vor wenigen Jahren verloren hätte - es kam noch auf die Welt, aber wegen einer Erkrankung des Gehirns lebte der kleine Sohn nur wenige Tage. Ich fragte sanft nach, ob er nicht auch zur Fisch-Familie gehöre und dargestellt werden sollte. Sie bejahte, freute sich darüber, dass er dazukommen konnte – das Bild wurde mehr ganz – alle gehören dazu – alle Lieben, die Lebendigen und auch die, die gehen mussten.



Ein bewegender Moment für uns beide!

So ehrlich, so liebevoll und einfach ein Moment, in dem das Eingebettetsein in ein größeres Ganzes herbeigesehnt, vielleicht gar auch ein wenig gespürt wurde. 









Fallbeispiel 3 – Patientin (52) in einem Palliativ-Bereich (Lungenfachklinik)
„STOLZ BIN ICH“ oder wie eine Patientin zu ihrer kindlich-vergnügten Kreativität zurückfindet 






Wir lernten uns das erste Mal bei einem Gespräch mit der Palliativärztin auf Station an ihrem Bett sitzend kennen. Die Patientin erschien mir sehr aufgeschlossen für die Kunsttherapie und ihre Möglichkeiten, dennoch schilderte sie mir von einer Begebenheit in einer Reha, in der die Therapeutin in einer Kreativwerkstatt (ob Ergo- oder Kunst wusste sie nicht mehr) ihr Perlen gab, mit dem Hinweis, sie sollte mal erspüren, was sich zeigen wolle. Doch dieser Hinweis überforderte die Patientin und ließ sie allein mit ihrem inneren Bewerter und Zensor. Ich versicherte ihr, dass ich eine gute Begleiterin sei bei kreativen Prozessen und sie an die Hand nehmen würde.

Ich kam am nächsten Tag wieder – der Moment schien geeignet zu sein für unser kreatives Setting: Es war genügend Raum und auch Zeit vorhanden, ebenso eine wohlwollende Bettnachbarin.



Ich fragte sie, ob sie gerne etwas Meeresstimmung hören wolle. Auf ihr Ja! hin stellte ich den kleinen CD-Player mitsamt Meeresrauschen-Klang auf den Nachttisch – vorher hatte ich ihr die Heute bin ich-Karten in die Hand gegeben mit der Idee, sie einfach anzuschauen und vielleicht auch ein Bild zu finden (oder mehrere), die ihr am besten gefallen würden.



Sie wählte sich den Fisch mit dem Begriff „verwirrt“ aus. Auf mein Nachfragen hin, ob die Stimmung etwas mit ihrer eigenen Stimmung zu tun habe, sagte sie, nein – keine eigene Verwirrung derzeit (obwohl sie das kennen würde), der Fisch mit seinem lustig gewellten Mund gefiele ihr so gut.



Sodann regte ich den kreativen Prozess an. Zeigte ihr das schwarze Tonzeichenpapier und stellte die Möglichkeiten der Öl- und Pastellkreiden vor. Ich fragte sie, ob ich einfach mal den ersten „wilden“ Strich machen dürfe, und sie bejahte. Dann ermunterte ich sie, eine Lieblingsfarbe zu wählen, und einfach einen Punkt, gar Strich oder was auch immer zu setzen, dort wo sie wolle. Alles ist richtig und fein, ein falsch gibt es in diesem Prozess nicht. So waren wir schnell in einem fast lustigen Dialog mit uns und dem Fisch – immer wieder Fragen meinerseits, was der Fisch noch bräuchte, was noch fehlen würde, um immer vollkommener zu werden. Aus einer Clowns-Nase wurde ein Auge, eine Rübennase folgte, ein lachender Mund, eine Kette kam dazu, einen Hahnenkamm in Neongelb etc.



Dann sagte sie, es sei nun fertig. Sie sei so stolz über dieses Wesen, über sich. Ich regte noch zu einem Titel an – half ein wenig mit, baute Wort-Brücken – und der Titel sollte nun lauten „STOLZ BIN ICH“ - mitsamt Datum und Namensnennung.



Und sie war stolz! Hätte sie es sich doch nicht träumen lassen, dass ein kreativ-künstlerischer Prozess so leicht sein könne. Sie kam sofort auf die Idee, sie könne mit ihrer 11-jährigen Nichte malen – sie hätte Lust dazu, einfach mal zu malen und nicht zu bewerten. Einfach tun, das ist wichtiger als alles andere.



Schön ist das und so einfach!

Wenn es doch immer so einfach sein könnte, wieviel glücklicher wäre da die Welt! 







Alles in Allem, kann ich diese Bildkarten sehr empfehlen – sie bieten zahlreiche Möglichkeiten schnell in einen rührenden und einfach schönen Dialog miteinander zu kommen, ebenso zu „spielen“, für den Moment spielerisch zu sein.

Darüber hinaus lädt die Technik mit schwarzem Tonzeichenpapier, Öl- und Pastellkreiden zu arbeiten, dazu ein, das eigene Gestimmtsein zu gestalten, ob im kreativen Dialog oder allein.

Für geeignete Erwachsene, die sich ihr inneres Kind bewahren konnten, eine wahre Fundgrube an Möglichkeiten!



Danke an Mies Van Hout und die Fische von „Heute bin ich“!

Dank an meine lieben Patientinnen, die sich mutig mit mir in das kreative Spiel des Lebens gewagt haben, danke auch, dass ich die Bilder, die entstanden sind, ablichten und auch der Öffentlichkeit zugänglich machen darf!




Herzlich

Ihre und Eure

Gunilla Göttlicher

Fisch-Fee und Clowns-Fisch 




Thanks web for pics - prozess-pics by me - Thanks for the great time with you! 
And this wonderful card-set! THANKS!!!


Heute bin ich
Mies Van Hout
Karten-Set mit Briefumschlägen
arcari Verlag



Sonntag, 15. November 2015

Kunsttherapie und Palliative Care auf flickr | Impressionen meiner Arbeit mit Patienten


Kunsttherapie und Palliative Care auf flickr | Impressionen meiner Arbeit mit Patienten 



Ich liebe meine Arbeit. Schon seit mittlerweile 2010, auf mehreren Palliativstationen und in Kliniken mit Palliativen Bereichen, darf ich in diesem wunderbar reichen Feld tätig sein. Ich bin daran gewachsen, und jeder einzelne Patient, den ich mit betreuen durfte und darf, bleibt mir in meinem Herzen.

Auf der Plattform flickr sind nun meine schönsten Bilder von Patientensettings zu sehen. Ich habe die Erlaubnis von jedem Einzelnen bekommen, sie aufzunehmen und auch zu zeigen.

https://www.flickr.com/photos/125515881@N03/albums/72157658852811624





Viel Freude beim Eintauchen in diese magische Welt!

HerzLicht Ihre Gunilla Göttlicher
praxis für ästhetische erfahrung







Thanks web for Ki-pic - other pics all by me and the lovely persons, they made.

Freitag, 9. Oktober 2015

Performative Kunsttherapie mit einer jungen Patientin der Inneren Medizin | von Freiheit und Gebundensein



„Wie ein Vogel im Käfig“
oder: wie man es für den Moment schafft, sich frei wie ein Vogel zu fühlen
Performative Kunsttherapie mit einer jungen Patientin der Inneren Medizin 



 
Im Frühling 2015 begegnete ich zum ersten Mal einer erstaunlichen und inspirierenden jungen Frau Mitte zwanzig – voller Ideen und Pläne, Schauspielerin zu werden. In ihrer Heimat ist sie bereits eine gefragte Darstellerin.
Mit ihr durfte ich eine meiner rührendsten Zeiten als Kunsttherapeutin, und einfach als Mensch erleben...ich habe mit ihr zusammen begriffen, dass man sterile, emotional eher negativ besetzte Orte - eine Krankenhausstation der Akut-Medizin, gar eine Intensiv-Wachstation (Stillstand – Traurigkeit - Tragik), in lebendige und auch herrlich komische Orte verwandeln, und Situationen miteinander kreieren kann, wo Momente der Schönheit entstehen! Sie können einem im erlebten Moment und dann in der Erinnerung ein Lichtlein im Dunkel des Lebens sein. 

Das Bild oben entstammt dem Film Sleepy Hollow, und zeigt ein Spiel der Optik - einen fliegenden roten Vogel auf der einen, einen Käfig auf den anderen Seite - bei schnellem Drehen der beiden Seiten verschwimmen die Grenzen - der Vogel scheint frei zu fliegen und gleichzeitig im Käfig zu sein. Ein Sinnbild für unser menschliches Leben - voller Freiheit und Gefangen,- Gebunden,- und auch Verbundensein. 

Ich bat sie um ein Feedback für unsere gemeinsame Zeit im Krankenhaus (KH).
Und hier ist es - sie bestätigte mir auch, dass ich die Bilder, die in unseren "Photo Walks" entstanden sind, hier veröffentlichen dürfe. DANKE, meine Liebe! 

+


Meine unvergessliche Zeit mit Gunilla Göttlicher
in einem Akut-Krankenhaus in Berlin
- von LE 

Man sagt immer, dass es im Krankenhaus schlimm, langweilig und traurig ist.
Das ist wohl wahr. Ich lag bald knapp 2 Monate in einem Berliner KH, und durchlitt sehr schwierige Zeiten.
Schlussendlich wurde ich Mitte Mai endlich operiert.

Nach der OP plagten mich v.a. Übelkeit und Erbrechen, wahrscheinlich von der Narkose. Ich lag etwa fast 2 Wochen auf der Chirurgischen Abteilung. Danach sollte ich eigentlich zurück verlegt werden auf die Innere Station, doch ich landete auf der Gynäkologie, eine völlig falsche Abteilung.

Mein Glück, stellte ich danach fest, als die Schwester mich fragte, ob ich vielleicht auch gerne jemand zum Reden hätte – da sagte ich nicht nein, weil ich das nach der schweren Zeit doch sehr gut gebrauchen konnte.

Dann traf ich das erste Mal auf Gunilla Göttlicher.
Mein erster Eindruck von Ihr war: „Wow, was ist das denn für eine verrückte, lustige und aufgestellte Frau, mit einem sehr speziellen Kleidungsstil!“ Ich weiß es noch ganz genau, was sie so trug – ein ganz lustiges Kleid, das kann man schlecht beschreiben, das muss man live gesehen haben. Nun gut, jedenfalls hatten wir 1 Stunde zusammen über Gott und die Welt gesprochen. Wir sprachen darüber, wie ich mich fühlte, dann kam sie und sagte: „Wohl wie ein Vogel im Käfig“, was genau zutraf, so fühlte ich mich. Danach sprachen wir noch darüber, was für uns Freiheit bedeutet.

Nach diesem tollen und lustigen Gespräch fühlte ich mich total entspannt, und einen Moment lang vergass ich sogar, dass ich im KH lag. Ich dachte nur noch, dass ich diese Frau unbedingt wiedersehen möchte. Sie sagte mir auch, dass sie die Woche noch im KH arbeite, und definitiv nochmals vorbeischauen würde.

Am nächsten Tag kam ich wieder auf die richtige Station. Ein paar Tage später kam Gunilla wieder, und wir hatten wieder ein tolles Gespräch, woran sich meine Bettnachbarin auch gerne beteiligt hatte. So hatten wir ein nettes Gespräch zu Dritt.

Nach der Woche musste Gunilla nicht mehr im KH arbeiten, da sie nur die Vertretung von jemand Anderem war. Sie kam jedoch trotzdem noch ein paar Mal zu Besuch. An einen Besuch erinnere ich mich noch sehr gut - 

Ich saß da, in der Cafeteria, mit einer guten Freundin, mit einer Bettnachbarin - da kam Gunilla dazu. Kurz darauf kam die Schwester meiner Bettnachbarin noch dazu, und erzählte eine schlimme Geschichte, man kann schon fast sagen, tragische Geschichte über ihre Mutter, welche im KH lag. Da kam Gunilla mit ihrem Smoothie, hat ihn zuvor geschüttelt, und wollte ihn öffnen, dann gab es ein Chaos auf dem Tisch, überall lag Smoothie – da musste ich doch schmunzeln, aber wollte zu diesem Zeitpunkt wegen der Geschichte doch nicht loslachen, obwohl mir genau danach war.

Gunilla bekam ein Angebot von Herrn Professor [Anm. GG - der Inneren Medizin, im Akut-KH im neubegründeten Palliativbereich] zu arbeiten – das empfand ich als eine super Idee.

Endlich trat für mich der langersehnte Tag auf. Ich durfte Mitte Juni 2015 das KH verlassen, zwar nur für eine Woche, aber ich war überglücklich, dass ich mal in meine Heimat, die Schweiz, zu meinen Liebsten fliegen durfte.

Leider kam alles anders als geplant, und ich konnte wegen meiner Gesundheit erst fast 2 Monate später wieder zurück nach Berlin. Unverhofft landete ich kurz nach meiner Ankunft wieder im Akut-KH, und hatte wieder eine sehr schlechte Zeit – ich pendelte zwischen der Intensiv/ Wachstation und der Normalstation hin und her. In dieser schlimmen Zeit war ich froh, dass Gunilla für mich da war, jeden Dienstag kam sie vorbei, und unternahm etwas Lustiges mit mir. Ich freute mich also immer auf den Dienstag. 

An einem Dienstag lag ich ziemlich kaputt auf der Wachstation, als Gunilla kam. Sie brachte mich zum Lachen. Sie brachte mir eine CD mit Alpenklängen [Anm. GG - Kühe, Kuhglocken, Wiesengeräusche] drauf mit, das beruhigte mich sehr. Als ich zum CT musste, begleitete sie mich, sie musste dann noch eines dieser wunderbaren Spuckbeutelchen für mich holen, und rief ganz leise vor meinem Zimmer „Hallo – Hallo – Hallo“ [Anm. GG - um die Schwester sanft zu rufen, aber auch um die Patientin zu belustigen] - es hörte sich sehr lustig an, sodass ich bei dieser Aktion auch wieder schmunzeln musste, obwohl ich von Schmerzen und Übelkeit geplagt war.

Nach den Dienstagen war Gunilla jedoch nicht aus der Welt – wir hatten reglmäßig auch in der Zeit, als ich in der Schweiz war, Kontakt via Whatsapp. 


Es gab Dienstage, da ging Gunilla mit mir und meinem Rollstuhl raus spazieren – erst kauften wir uns ein Getränk, was wir auf dem Weg tranken und erkundeten die Gegend außerhalb des KHs. Wir erlebten dabei viele lustige Dinge, und hielten die Momente fotografisch fest. Wir fuhren über die Autobahnbrücke, und versuchten Seifenblasen auf die Autobahn zu lassen - leider flogen sie meistens immer in die Gegenrichtung. Auf dem Weg lagen einige Zeichnungen mit Aufschriften wie „I love you“ und einem Herz auf dem Boden, - das mussten wir gleich auch fotografisch festhalten. 



An einem anderen Dienstag fuhren wir wieder raus, und erkundeten die andere Richtung. Wir schauten uns die Häuser in der Gegend an – da stießen wir tatsächlich auf ein fliegendes Blatt [Anm. GG - ein tanzendes, sich drehendes Blatt, an einer Spinnwebe], was wir beide sehr lustig fanden [Anm. GG - und lange beim magischen Tanz beobachteten, wie in einem Film].

An einem Dienstag holte Gunilla Ihr Kunst-Utensil aus einem Besprechungsraum raus, und wir gingen in den Garten.
Als ich einen Moment lang alleine war, malte ich das, was ich gerade sah, im Garten bzw. was gerade vor mir stand, und machte mit dem Pustefix immer wieder ein paar Seifenblasen. Doch plötzlich hatte ich wieder starke Schmerzen, und konnte nichts mehr sagen, und mich vor Schmerzen kaum mehr bewegen – ich war so froh, dass Gunilla und die Ärztin sehr rasch zur Stelle waren, und mich ins Zimmer begleiteten. Gunilla blieb bei mir, bis es mir ein wenig besser ging. 


Ich erzählte Gunilla von meinem Plan, mal einen Kurzfilm aus meiner Geschichte zu machen. Sie fand, dass das eine sehr gute Idee sei, und wir sprachen ein wenig darüber. 


Nun gut, schlussendlich erzählte ich ihr auch, dass ich am Liebsten wieder in meine Heimat zurückgehen will, und dies leitete sie an meine Ärztin weiter. Am nächsten Tag erzählte mir die Ärztin, dass sie alles dafür tun würde, dass mein Wunsch auch schnellstmöglichst in Erfüllung gehen kann.

Eine Woche später kamen meine Eltern zu Besuch, und dann klappte es endlich, dass ich zwar ziemlich abgeschwächt, aber sehr glücklich, mit meinen Eltern zusammen das KH verlassen durfte. Ich war froh, dass ich ein Tag vor der Entlassung noch schöne und lustige Stunden mit Gunilla erleben durfte. 




Schlussendlich versüßte Gunilla meine gesamte Krankenhaus-Zeit. Sie ließ mich kurzweilig vergessen, dass ich überhaupt im Krankenhaus lag. Nach jedem Dienstag fühlte ich mich richtig glücklich und zufrieden.

Aber auch nach wie vor pflegen Gunilla und ich einen herrlichen Kontakt via Whatsapp - und sobald ich wieder in Berlin bin, werden wir uns wieder treffen, sei es zu einem Prosecco in Kreuzberg, wo wir beide leben, oder zu einem unserer herrlichen Dienstage!
Ich freue mich schon riesig auf diesen Moment!

Unvergessliche, wunderbare Momente bleiben.

(07.10.2015)


Thanks web for pics - thanks L for pics - some pics are mine!

+++ Von Fischen +++ by Gunilla Göttlicher

Fische schwimmen im Wasser hin und her wenn ein Angelhaken kommt denken sie ersteinmal über dessen tieferen Sinn nach Erinnerung an Finnland, 2009