Samstag, 23. Januar 2016

Palliative Care und Kunsttherapie | Verarbeitung mittels Kreativen Schreibens


Palliative Care und Kunsttherapie | Verarbeitung mittels Kreativen Schreibens 




Ich werde öfters gefragt, wie ich das denn aushalten würde, so nah dran zu sein am Existentiellen, an der Grenze, am Abgrund, Ende oder auch am Gipfel des Lebens, je nach dem, wie man es sehen will und kann. Ich sage dann, dass ich froh bin, die KUNST und die POESIE zu haben, als meine Verbündeten - sie geben mir die nötige Freiheit - den Horizont und wieder weiteren Blick - die Möglichkeit, mehr zu sehen, als das Alltägliche und Naheliegende ... auch zu beschreiben, was ich erlebe, es in eine andere, vielleicht weitere Dimension zu heben - diese Erfahrungen als Gipfelerfahrungen wertzuschätzen - als große Erfahrungen des Menschseins - zwischen mir und einem Anderen - Begegnungen, die mein Leben reich und fast üppig barock sein lassen. Beginnend mit Rose Ausländer und ihrem Gedicht "Gestirne" ein paar poetische Gedanken von mir und meiner Arbeit im Rahmen von Palliative Care und mit Patienten auf der Tuberkulose-Station, ebenso aus dem Beatmungszentrum.


Gestirne


Siehst du
den Wagen oben
Sternworte sprühen

Hier unten
gibt es Vernunft
und kleine Zeichen

Abgrund und Gipfel

Erinnerung an
Vergangenes und
an die Zukunft

und Künstler
unsere Erdgestirne

(aus: R.A.: Deiner Stimmer Schatten. Gedichte, kleine Prosa und Materialien aus dem Nachlaß, 2007)


Mehr Gedicht von mir - gesprochen und als Album veröffentlich, in ständer Weiterentwicklung:  
https://mondblume.bandcamp.com/album/von-unken-wei-en-schweinen-schweinem-nnern





am Montag noch

ach Du Liebe
Du liebgewonnener Mensch
am Montag noch
habe ich Dir die
Geschichte von der Schildkröte vorgelesen 

Am Montag noch haben
wir gemeinsam Deine Werke
Deinen Lieben gezeigt 

Am Montag sahst Du Bilder 
die nur für Dich existierten
eigentlich hattest Du keine Angst
sagtest Du 

Dein Oevre, Deine ureigene Kreativität
zeigtest Du mir und uns.
Ich war und bin stolz auf Dich
mit welcher Freude
Du Deine Welten und Wesen 
erschufst
Paula langsam
Henry die Maus
und viele viele andere
durften entstehen

So viel Freude - so viel kleines und großes Glück
ich danke Dir!
Leb' wohl, lieber Mensch!
Möge Dich Paula Schildkröte
bei Deinem Weg zu Deinem Stern
gut geleiten! 

(zum 03.02.2016 | Für Angela!)     




 
Das LEBEN nochmal kosten


Gestern saß ich lange neben
einem alten Mann
er erinnerte mich an
Charlie Chaplin

ich sollte von mir erzählen
was ich denke, auch über ihn denke
ehrlich – ich begriff noch nicht, worauf es
zielte
ich erzählte
doch ohne Antwort ist mir Erzählen schwer
ich brauche ein Gegenüber
so wie er
er wollte eine Stimme hören, eine Frauenstimme
wie die seiner Mutter -
könnte ich doch frei Märchen erzählen

er schien sich schon von dannen zu machen
war verwirrt und ungehalten
über vergossenen Kakao
und, dass niemand über gefühlte Stunden
zu ihm kam
ich blieb dann Stunden
ich sollte, ich muss bleiben, sagte er bestimmt
ich blieb

er fragte mich,
was ich von ihm halte
ich sprach vom
Eros des Geistes
von geistiger Verführung
zu neuen Horizonten
ja, dieses Gefühl des platonischen Verliebtseins
beschrieb ich
auch von Thanatos – seinem Gegenspieler
dem Destrudo allen Lebens

und immer wieder ein Geruch,
der ihn fast anwidere – so süßlich blumig
ich schnuppere an mir und ja, ich gebe zu
ich habe morgens einen Geruch aufgelegt
ich mag ihn, nehme ihn aber selbst nicht mehr wahr
oh je, was man alles falsch machen kann
mit sensitiven Menschen
beim Übergang
oder kommt der Duft gar von woanders her?
Wer oder was duftet da nach Blumen?

was ist mit mir?
wie ist Sterben?
Ich sagte ihm, dass ich wahrnehme,
er hätte Angst vorm Sterben,
vor dem Nichts,
dem Nicht-Greifbaren -
er hält sich tapfer am Galgen fest
er ist so interessiert am Mensch-Sein
er will nicht Loslassen
ist wütend, weil es ungerecht ist
es keinen Trost gibt
die Philosophie des Mittelalters und der Renaissance
war und ist sein Steckenpferd

er wollte einen Sohn
ein Gegenüber, mit dem er Philosophieren könne
unbedingt
er ist so traurig, alle seine Freunde
sind schon gegangen
sein Sohn ist nicht da
er ist so allein
mit seinen vielen Gedanken
und diesem Etwas, was er nicht kennt
greifen und einordnen kann

ich fragte, was ihn beruhige
früher beruhigt habe
Märchen – antwortete er, nach längerem Überlegen
ich begann mit Frau Holle
er unterbrach mich
ich solle leiser lesen
dann wollte er doch lieber
Hänsel und Gretel
die Nase blutete - immer wieder
er konnte kein Blut sehen
der Grund, warum er nicht Arzt werden konnte
und ich irgendwie auch nicht – beides teile ich
er fragte, ob ich mich wohl mit ihm fühle
nun ja, sagte ich – der Kopf tue mir weh
und Bluten ist auch nicht gerade mein Ding
zu Rot auf die Dauer
ich setzte zehn Mal mit Hänsel an
und kam gerade mal zum Hexenhaus
das Ende steht noch aus

dann wollte er frech aus meiner Tasse trinken
nicht aus irgendeiner, aus meiner
was soll man da noch sagen
nein, das ist meine Tasse, Schluss, Grenze! - sagte ich
er wurde munter und wirkte leicht beleidigt
dann fragte ich ihn, was er denn von mir halte
er schwieg erst, war unleidlich, dann antwortete er
Geduld - sähe er bei mir
und vieles Gute zwischen den Zeilen

Auch Böcklins Toteninsel beäugten wir
im Geiste gemeinsam
wie Charon, der Fährmann, den unlebendigen Gast
über den Styx oder Acheron hinübersetzt
ein aufregendes Bild
befanden wir

zusammen wurden wir lustvoller
herausfordernder
als hätte ihn das fließende Blut noch mal erweckt
liebkosten noch einmal das Leben
wie gerne hätte ich ihm ein Märchen
vom Guten Gehen erzählt – frei und glücklich
ins Licht gehen
doch eher das
pralle, beziehungsvolle
und auch verwirrende, herausfordernde
schrecklich-schöne
LEBEN
noch mal SPÜREN
in all seiner KURIOSITÄT
das war es,
was wir nochmal gemeinsam
kosteten

(Für Hr. S. - am 10.03.2016)


*


 

Pullover ziehen Feld oder: KKK

ich sehe aus wie der Frosch
auf dem Bild
in Grün & so'n Ding um den Mund
nur das Quaak fehlt
weil der Hals wund ist

dennoch merke ich
ist mir wieder nach Unsinn
im Zimmer eine kleine feine Dame
aus Asien
ihre Freundin ist auch da
es ist leicht
es gibt so viel zu Lachen

ich schneide eine Kuh aus
& den Blick in den Kaffee
dann noch bunten Kuchen
ich frage, ob es auch Kühe
dort gibt, wo sie leben
ist eigentlich klar (kleines Lächeln)
die Freundin will aber von
besonderen Kühen, die Pflüge
auf Feldern ziehen, erzählen 
"Pullover ziehen Feld"
"Pullover ziehen Feld"

ich werde nachdenklich

In Asien scheint alles anders zu sein

dann wird ins
Lexikon geguckt
& "Büffel" sind's
"Büffel ziehen Feld"
Ja, denke ich - genau!

Aber Pullover, die
Pflüge auf Feldern ziehen
halte ich auch für denkbar

Kaffee, Kuh - Kuchen
sage ich
wir müssen lachen
ist einfach zu komisch

Aus Nichts
ist nun so viel
Unsinn geboren
ganz leicht

und der Todesgeschmack
von Blut & Spucken
schmeckt nun nach
Kaffee, Kuchen & Kuh
& nach Pullover
natürlich

(Für Anh und Lan und Her (!)/ 21.01.2016) 
Entstanden nach einem Besuch bei einer jungen Asiatin, die schon seit Wochen wegen Tuberkulose isoliert in ihrem Krankenhauszimmer lebt. Ich habe ihr, vermummt, Collage-Materialien mitgebracht, und mal heiter und flink vorgeführt, welch' spannendes Medium sie nun selbst bearbeiten kann. 




Die zwei Mäuse

Am Morgen packe
ich ein Buch über Tiere ein
*Kopf hoch* heißt es 
und der Mensch, dem ich es 
zeigen will, wird sich freuen 

Der Mensch hat Angst
vielleicht wacht er nicht mehr auf
nach der großen OP
dann wäre es quasi ein Segen
nur das Bein zu verlieren
vielleicht wacht er nicht mehr auf
der Mensch
den ich über die Zeit so liebgewonnen habe
die Tiere machen uns lachend
jedes Tier mit jedem Satz
es beschreibt, wie wunderbar
doch das Leben selbst ist
wie einfach wie schön
ich habe Tränen in den Augen
wir beide spüren, wie warm es
uns ums Herz ist
wie nahe wir uns sind
wir beide Menschen wir
so nah und so unendlich sterblich
beide
und doch so warm
wie die zwei Mäuse, die genüsslich
an einem Keks knabbern 

(21.01.2016/ für Renate) 

*

Lackschuh und Bommelsocken 

über die vier Jahre 
hat sie sich so manche Feinde gemacht
sie kann so herzzerreißend
lamentieren. meckern, unzufrieden sein
doch - ich stehe ihr bei
sie droht bei zuviel Belastung 
zu verbluten
wie ein Strahl
erzählt die Schwester mir
sie hustet Blut
und mir ist schlecht
gnadenlos schlecht
und doch bleibe ich
etwas in mir weiß warum
ich das tue
weshalb ich ihre Verbündete
beim heimlich-Rauchen bin
und sie mir dann doch
von ihren Kinderträumen erzählt

ihre Stimme war schön
sie liebte diesen Chor
sie wollte singen, feiern und gefeiert werden
und doch kam alles anders
das ließ sie verbittern
sie erinnert sich an die 
Lieder und tanzt im Bett
erinnert sich an Lackschuh und Bommelsocken
die sie nicht mochte
genau, deswegen bin ich da
deswegen, Mensch!

(21.01.2016/ für Brigitte) 

*

weißes Laken bunte Stiche

ich erinnere mich 
an den weißen Stoff
an dem ich entlangglitt
Laken von Patienten

wer weiß, wer hier alles lag
schlief, lachte, litt oder blutete
gar verstarb
viele werden's gewesen sein
ich lasse mich los
und gleite an ihm entlang
setze bunte Stiche
irgendwohin
rein aus mir heraus
es tut so gut
nicht zu planen
nur zu tun
was man tun muss   

(22.02.14) 


Von einer großen Frau

sie ist wild
verrufen eine Histrione - Diva, Amazone
und Mutter
mütterlich zu jungen Frauen
ich glaube ihr - ich spüre das

sie zeigt mir blind gezeichnete
Engelsfrauen
mit Flügel - wehendem Kleid und Haar

ich wähle eine Schöne mit einem
größeren Stiefmuttergesicht dahinter
erzähle von Mutter, Neid und Traurigkeit
sie greift es auf  
und erzählt mir alles

(Für Dorothea, 27.11.2014)   
 


 Dank dem www für das Sternenbild - ebenso mein ergebenster Dank an die Menschen, die ich ein Stück des Lebens begleiten darf. DANKE! 

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